Rush hour

Full house – wie so oft bei uns

Kaum etwas finde ich anstrengender als unseren geballten Aktionismus der sogenannten „besten Jahre.“ Zwischen 30 und 50 wollen die meisten von uns den Partner fürs Leben finden und heiraten. Wir wollen Kinder kriegen und auch Zeit für sie haben. Einen Beruf finden, der uns Spaß macht – und erfolgreich darin sein.

Wir wollen gesund leben und aktiv sein. So nah wie möglich dran bleiben, an dem was modern ist und uns Spaß macht. An dem was angesagt ist und in unserer Gesellschaft dazu gehört.

Verrückterweise wollen wir das alles auf einmal. Als gäbe es kein Morgen. Und keine Vernunft. Denn vernünftig ist das alles nicht.

Niemand kann alles auf einmal haben. Ich bin der lebende Beweis dafür. Ich habe jahrelang zu viel gewollt (Jetzt! Sofort!) und bin deshalb oft genug auf dem Zahnfleisch gegangen. Habe nicht nur mich überfordert, sondern auch mein Umfeld. Unzufrieden über alles, was noch nicht klappt – ohne ein realistisches Empfinden für das, was ich bereits erreicht habe.

Um mich herum sehe ich viele Frauen, denen es genauso geht. Die auf der Suche nach dem besonderen Erfolg nach den Sternen greifen (und gerne auch nach Planeten, die noch weiter weg sind.)

Doch was bringen sie uns, die Erfolge im Beruf, wenn wir dann gar nicht wirklich dankbar für sie sein können, wenn sie eintreten? Weil wir sie nicht feiern, sondern nur kurz innehalten in unserem Marathon – immer das nächste Ziel fest im Blick?

Was bringen uns die Nachmittage am Schlittenberg, wenn wir immer wieder aufs Handy starren, anstatt mit unseren rotwangigen Kindern durch den Schnee zu stapfen und die weißen Flocken mit der ausgestreckten Zunge aufzufangen? Was soll die Zeit im Fitnessstudio, wenn wir den ganzen „Besser, schneller, schöner, fitter“-Stress dann abends mit einer Tüte Chips und einer Flasche Bier herunterspülen? Und danach weiß Gott keine Lust mehr haben, den in Form gebrachten Körper dem zu präsentieren, der ihn am allerliebsten hat: Dem eigenen Mann?

Wer macht eigentlich diese Regeln der Betriebsamkeit? Und warum sollten wir sie hektisch befolgen?

Auch wenn ich ein großer Freund von Optimierung und Disziplin bin, so bin ich doch eines nicht: Ein Freund von Verschwendung.

Verschwendung von Lebensfreude und Energie. Von Wohlfühl- und Glücksmomenten. Von Nah-an-mir-dran-sein und Mich-selbst-gern-haben. So wie ich jetzt bin. Und wenn ich es irgendwann besser weiß und kann: Fein. Dann mache ich es DANN halt besser. Aber jetzt ist jetzt und das will ich nicht verpassen.

Deshalb findet ihr keine Hosen in meinem Schrank, in die ich vielleicht irgendwann mal wieder hineinpasse. Sondern Hosen, in denen ich mich jetzt wohlfühle. Ihr findet in meiner Kontaktliste keine Menschen, die ich eigentlich mal wieder anrufen müsste. Sondern Menschen, die ich liebe. In meinem Haus stehen keine Sessel, die was hermachen. Sondern solche, in denen man gemütlich sitzt und stundenlang redet.

Genauso mache ich es auch mit meinem Blog. Wenn ich schreibe, schreibe ich nicht, weil ich dafür bezahlt werde. Nicht aus Nettigkeit oder weil ich nicht Nein sagen kann. Ich schreibe nur und ausschließlich weil und wenn ich es will.

Und auch wenn ich so viel mit anderen teile: Manche Sachen behalte ich für mich. Weil ich verstanden habe, dass ein lautes Nein zum Außen manchmal ein lautes Ja zu meinem Glück ist.

In diesem Sinne – macht euch einen schönen Abend

Eure Svenja