Ihr Lieben,

als ich angefangen habe, zu studieren, gab es an meiner Universität das Prinzip der Fernleihe. Dazu suchte ich via Microfiche Bücher heraus, von denen ich glaubte, dass ich sie brauchte, die es aber in meiner Unibibliothek nicht gab.

Dann setzte ich mich vorne neben dem Infopoint an einen der drei Tische und füllte mit einer Schreibmaschine eine rosa Karteikarte aus. Gegen eine geringe Gebühr wurde diese Karte an eine andere Uni geschickt, die das Buch im Bestand hatte. Und ein paar Wochen später konnte ich das Buch dann in Empfang nehmen.

Anderes Beispiel: Materialien, die meine Professoren für eine Veranstaltung bereitstellten, konnte ich in einem Regal in der Bibliothek im so genannten „Reader“ finden. Das war ein Ordner, dessen Inhalt ich kopieren musste. Wenn den Inhalt gerade ein anderer Student kopierte, wartete ich eben am Regal, bis der wiederkam.

Ich bin groß geworden, in einer Welt, die offline war. Und ich fand das nicht besser, sondern behäbig.

In den ersten Jahren des Internets hatte ich nur ein Problem: Ich war technisch weder begeistert, noch begabt. Ich war Sprach- und Literaturwissenschaftlerin, eher auf der kreativen Schiene unterwegs. Und das Internet hatte da anfangs wenig zu bieten.

Heute sieht das ganz anders aus. Technik ist userfreundlich geworden. Jeden Tag entdecke ich neue Möglichkeiten. Neue Plattformen, gegen die die alten Schreibmaschinen im Foyer der Unibibliothek anmuten wie ein Witz.

Und weil das so ist, haben meine Kinder unlimitierte Screenzeit.

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Klar, auch bei mir müssen erst die Hausaufgaben erledigt sein. Und auch ich sage mehrfach am Tag: „Los, jetzt geh mal ein bisschen aufs Trampolin. Oder lies mal was.“ Einfach weil ich möchte, dass meine Kinder viele Reize haben. Viel erleben und ihre Kindheit nicht nur vor elektronischen Geräten verbringen.

Aber ich halte nichts davon, sie zu maßregeln. Technik ist die Zukunft meiner Kinder. Sie werden wahrscheinlich Berufe haben, die ohne das Internet nicht möglich wären. Und diese Berufe werden sie glücklich machen.

Wovon ich allerdings viel halte, ist sie zu begleiten und vor allem anzuleiten.

Meine Eltern haben mir beigebracht Äste zu schnitzen, Feuer zu machen, Kissen zu nähen, mich zu entschuldigen und zu bedanken. Auch habe ich von ihnen gelernt, wie lang ein Rock mindestens sein muss, damit ich ihn in der Schule tragen darf.

Mit meinen Kindern spreche ich heute darüber, wie man auf Social Media Networks angezogen sein muss. „Bitte immer vollständig bekleidet sein, wenn Du ein Video für Snapchat drehst. Auch im Sommer geht das nicht im Bikini, nur weil Du gerade so draußen auf dem Trampolin herumspringst.“

Für mich ist das common sense, weil ich zwar weiß, dass Snapchat Videos sich nach dem Ansehen selbst löschen. Aber eben a) auch in den sogenannten „Stories“ 24 Stunden gespeichert werden können. Und dass jeder Deiner Snapchat Follower Screenshots Deiner Snaps machen kann.

Hättest Du das gewusst?

Plattformen wie Google,  Pinterest, Facebook, Snapchat, Periscope oder Instagram sind nicht da, einmal angeschaut und für alle Zeiten verstanden. Sie verändern sich jeden Tag. Genauso wie jeden Tag neue Apps auf den Markt kommen.

Die gute Nachricht ist: Es ist ein bisschen wie damals beim Ast schnitzen. Es gibt Regeln, die durchaus Sinn machen. Und eigentlich sind das immer noch die gleichen. Denn „Das Messer beim Schnitzen immer weg vom Körper halten“ heißt übersetzt ja nichts anderes als „Bitte das Hirn einschalten“.

Schnitzen lernt man nur, wenn man es immer wieder macht. Sich online richtig zu benehmen auch.

Ich glaube an meine Kinder. Ich glaube daran, dass sie aufhören zu schnitzen, wenn ihnen schon der Arm wehtut und sie eine Blase an der Hand bekommen. Genauso merken sie, wenn sie zu lange vor dem Screen gesessen haben und andere Dinge anstehen. Und wissen, dass sie nur Kinofilme und Youtube Videos ansehen dürfen, die für ihr Alter angemessen sind.

Aber sie brauchen Zeit in dem Medium, das ihr Leben zu einem großen Teil ausmachen wird, um zu lernen, welche Chancen und welche Gefahren es gibt.

Deshalb stecken sie nicht wo sie gehen und stehen ihre Nasen in den Bildschirm. Und wenn wir im Restaurant etwas zu Essen bestellen, müssen sie nicht zur Überbrückung der Wartezeit an iPhones spielen. Sondern sind durchaus in der Lage, sich mit uns zu unterhalten. Weil sie das möchten und schön finden.

Mein Sohn hat mit 10 Jahren noch kein eigenes Handy. Meine Tochter macht jetzt mit 12 die ersten Schritte in den sozialen Netzwerken.

Und es ist wie immer mit den ersten Schritten: Da sind wir Eltern gefragt. Früher sind wir stundenlang gebückt gegangen, haben die kleinen Hände gehalten und aufgepasst, dass keiner auf die Nase fällt.

Heute müssen wir neben den wichtigsten Werten auch die wichtigsten Apps unserer Kinder auf dem Schirm haben. Uns Tutorials zu den sozialen Plattformen auf Youtube anschauen. Und nicht aus Bequemlichkeit das Internet verbieten.

Lasst uns unseren Kindern auch diesmal bei ihren ersten Schritten zur Seite stehen und sie beobachten. Und ihnen dann zutrauen, dass sie laufen können, wenn wir es ihnen beigebracht haben.

In  diesem Sinne

Eure Svenja