Ihr Lieben,

der Mai ist wie geplant voller Dinge, die nicht wirklich zusammenpassen, aber die erledigt werden müssen. Deshalb ist es auch so still hier – denn Alltag ist nicht unterhaltsam.

Doch gerade wenn ich viele Alltagsdinge abarbeite, fliegen meine Gedanken manchmal zu far away places. Zu längst vergangenen Zeiten, in denen ich intensive Gefühle hatte. Und während ich im echten Leben meinen Sohn beim Gymnasium anmelde, ein Wochenende meine beste Freundin samt Familie zu Gast habe und die Texte für meine neue Businesswebsite schreibe, dachte ich an folgenden speziellen Moment.

Januar 2003. Ich war knapp einen Monat mit meinem heutigen Mann Uwe zusammen, als er in Köln, in seinem kleinen Laden in Nippes ein Seminar gibt. Crashkurs Drehbuch heißt es.

Knapp 20 Menschen haben sich angemeldet, alle mit der Idee, ein Drehbuch zu schreiben. Und ich, die sich zwar mit 26 einmal halbherzig bei der Drehbuchwerkstatt München beworben hat. Aber wie das eben so ist, wenn man etwas halbherzig tut: Es klappt nicht.

Uwe bringt uns in dem zweitägigen Seminar bei, wie man ein Drehbuch entwickelt. Wie man eine Story, Charaktere, Situationen und Szenen schreibt. Manche der Teilnehmer haben schon ein fertiges Drehbuch zuhause liegen und wollen es überarbeiten, manche haben nur eine grobe Idee.

Alle Teilnehmer haben sich angemeldet – nur ich komme als einzige zu diesem Seminar wie die Jungfrau zum Kinde. Einfach weil ich einen Monat vorher mit Uwe zusammengekommen bin. Aber: Auch ich habe eine Idee für eine Geschichte im Kopf, schon seit ein paar Jahren. Plötzlich, beim Staubsaugen, war sie da. Und sie war so gut, dass ich den Staubsauger ausstellte und die Idee auf ein Post-it schrieb. Was irgendwie sinnbildlich zu verstehen ist, denn es war eine Idee, die bei mir blieb. Die irgendwie klebte. An mir.

Als ich da also nun saß, in dem Seminar, sagte Uwe: „Und nach dem, was ihr jetzt gelernt habt, möchte ich, dass ihr EINE Idee, die ihr für ein High Concept haltet, mal nach diesem Muster als kurze Outline aufschreibt.“

Schon begannen alle eifrig zu schreiben. Auch ich. Ich setzte meinen Stift aufs Papier. Ohne nachzudenken und weil alles einfach aus mir herausfloss, schrieb ich das Expose meiner Idee auf.

Dann kam die Auflösungsrunde. Alle durften IHRE Geschichte vorlesen. Und ich las meine vor. Und ich glaube ich habe irgendwo auf meinem Blog schon einmal geschrieben, was dann geschah. Aber nicht wirklich so, dass ihr verstehen konntet, was das für mich bedeutet hat.

Ich las meine Geschichte vor und es war absolute Stille im Raum. Nicht irgendeine Stille, sondern fassungslose Stille.

Stille in der Art, wie sie manchmal bei American Idol entsteht, für diese 3 Sekunden nachdem jemand den besten Auftritt seines Lebens hingelegt hat. Etwas, dass das Publikum so berührt, dass es einen Moment braucht, das Zauberhafte und Magische zu begreifen bevor es aufwacht und sich erinnert, was man jetzt eigentlich tun müsste. Nämlich applaudieren.

In dem Moment habe ich das erste Mal so wirklich begriffen: Ich kann was, was andere nicht können.

Diese Stille nach einer kreativen Leistung, DAS war einer der vier schönsten Momente meines Lebens. Es ist GENAU das gleiche Gefühl, das ich hatte, als ich meine Kinder das erste Mal im Arm hielt. Und kurz bevor mein Mann mich fragte, ob ich ihn heirate. Da war auch so eine Stille. Weil ich wusste, wie groß das ist, was jetzt gleich kommt.

Die Stille ist die Anerkennung anderer oder von mir selbst, dass ich etwas GROSSARTIGES vollbringen und erkennen kann. Etwas, das vor mir niemand geschafft hat. Und auch nach mir so wie ich es kann niemand zustande bringen wird. Es ist das Gefühl von absoluter Einzigartigkeit gekoppelt mit dem Gefühl so intensiv lebendig zu sein wie noch nie zuvor.

Es ist das Gefühl, was ich in jeder Sekunde meines Lebens haben möchte und wenn es so wäre, diesen Zustand wahrscheinlich kaum ertragen könnte. Es ist so groß, weil es so selten ist. Weil ich darauf hinarbeiten muss. Stunden meines Lebens, meines Seins, meines Wissens und meiner Gefühle hineinstecke. Weil ich es nur mit jeder Menge Höhen und Tiefen, mit Alltag und Disziplin erreichen kann.

Aber dann meine Lieben. Dann kommt er irgendwann.

Dieser eine Moment bei dem ich die Arme öffne, das Herz öffne und mich komplett in das Gefühl fallen lasse, voller Liebe zu sein.

Denn um nichts anderes geht es in diesem Moment, als darum mit dem, was mein Innerstes Mensch-sein ausmacht zu lieben und geliebt zu werden.

Je älter ich werde, desto klarer wird mir: Diese Momente sind nicht so selten. Manchmal erlebe ich sie als Anflug, aber dann huschen sie wieder weg. In einem Vortrag oder am Ende eines Vortrags der wirklich gut läuft und wo die Emotionen im Raum passen. Wenn ich mit einem einzelnen Mensch spreche und ihm etwas mitgeben kann. Wenn ich mit meiner Familie zusammen bin und sehe, wie die Fackel der Gene und das Licht der Talente weitergetragen wird.

Besonders meine Kinder haben mir viel darüber beigebracht, wie übermächtige Momente und das kleine Glück zusammenhängen. Manchmal reicht es, sich im Ruderboot auf der von der Sonne gewärmten Plastikbank wie eine Katze zusammenzurollen, die Augen zu schließen und den Fahrtwind zu genießen.

Moment

Oft bin ich noch nicht so gut darin, diese flüchtigen Momente zu erkennen. Eben weil sie nicht diesen AWWWWWWWW Faktor haben, also nicht in dem Maß. Aber ich verstehe immer besser: Wie groß ich Momente mache, hat einzig und allein mit meiner Offenheit zu tun. Damit, dass ich das Große begriffen habe und im Kleinen wiedererkenne.

Es ist der einzigartige Sonnenaufgang, die perfekte Yogastunde, der Moment im Liegestuhl mit einem Weißwein in der Hand. Es ist der Flow, wenn ich male oder schreibe oder Gemüse schneide. Der Moment, wenn meine Tochter sieht, dass ich sie nach der Schule überraschend abhole und ihr Gesicht aufleuchtet. Der Moment, wenn ich meinen Mann via Facetime anrufe und er sich freut, mich zu sehen und seine Augen glänzen. Es ist der Geruch meines Sohnes, wenn ich mich abends noch einmal an ihn kuschel und ihm Gute Nacht sage.

Nicht jeder kann ein Solo im Ballett tanzen. Sich mit der letzten Kraft seiner Zehen abdrücken zu einem perfekten Sprung, im Spagat, mit einer Körsperspannung, wie sie im Lehrbuch steht. Nicht jeder kann auf einer Bühne stehen, eine Vorstellung liefern oder eine Geschichte schreiben, bei der den Zuschauern der Unterkiefer runterklappt. Nicht jeder kann Kinder kriegen und nicht jeder kann in einer Familie leben.

Aber jeder, jeder der genau hinsieht, kann in seinem eigenen Leben solche Momente entdecken.

Sie bemerken, sie ins weit offene Herz lassen und dort für immer bewahren. Ich bin mir sicher: Je mehr wir davon sammeln, umso mehr kommen ganz von selbst dazu. Einfach weil wir immer bereiter werden, sie zu erkennen.

In diesem Sinne wünsche ich euch einen wunderschönen Tag

Eure Svenja