Ihr Lieben,

zuerst muss ich mich bei euch bedanken. Weil IHR meinen Facebookpost gestern so oft geteilt habt, haben die Polizisten, die ich an der Edeka Kasse getroffen habe, ihn entdeckt. Und mir geschrieben.

Hier nochmal der Post, für die, die ihn nicht gesehen haben:

Bildschirmfoto 2016-07-24 um 07.18.08Dazu hatte ich mit zittrigen Händen noch ein Bild gemacht, auf dem die Polizisten nicht zu erkennen sind.

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Und eben weil ihr den Post so oft geteilt habt, haben sich dann zwei dieser Polizisten bei mir gemeldet. Einen habe ich gestern Nacht noch um Erlaubnis gefragt, ob ich seine Private Message an mich hier posten darf. Ich darf.

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Oh, wie ich Social Media liebe. Wie ich es liebe, dass wir alle gemeinsam was verändern können. Dass wir den Kreis von Traurigkeit und Hass durchbrechen können, wenn wir uns die Hand reichen. Wenn wir uns sagen, dass wir uns Wert schätzen. Wenn wir uns loben für das, was wir gut tun. Wenn wir menschlich mit unseren Mitmenschen umgehen.

Deshalb war ich auch sehr berührt von den Worten, die mein Mann Uwe für die Nacht von München fand:

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Mein Mann ist dem Thema „Warum Jugendliche gewalttätig werden“ schon länger auf der Spur. Genaugenommen seit damals hier in München die Tragödie um Dominik Brunner passiert ist. Der Geschäftsmann wurde am S-Bahnhof in Solln von zwei Jugendlichen ermordet.

Weil die Familie eines dieser Jugendlichen in unserer unmittelbaren Nähe wohnte und wir uns vom Sehen, von Kindergartenfesten und Ähnlichem kannten, hat mein Mann – der ja Regisseur ist – damals eine Dokumentation über den Fall gedreht.

Uwe hat sich dazu wochenlang in das Thema: „Was bringt Jugendliche dazu, gewalttätig zu sein?“ eingelesen. Als also gestern in den Nachrichten kam, dass im Zimmer des Täters das Buch „Amok im Kopf“ gefunden wurde, musste ich nur in unsere Bibliothek gehen und es aus dem Regal nehmen.

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Ich sah, wie sich mein Mann mit Post its und Notizen durch das Buch gearbeitet hatte und dachte sofort: „Du warst schon vor ein paar Jahren auf dem richtigen Weg.“ Denn Uwe wollte Täter, Opfer und Behörden an einen Tisch bringen, um im Gespräch miteinander herauszufinden, wie solche Taten in Zukunft vermieden werden können.

Wie wir es schaffen können, dass Menschen NICHT gewaltätig werden. Und zwar die Menschen, die sich nicht so anerkannt fühlen, wie es sich jeder Mensch wünscht. Die sich nicht so wahrgenommen fühlen, wie es jeder Mensch verdient hat.

Wie können wir das hinkriegen, weil wir als Gesellschaft im Vorfeld etwas richtig erkennen und machen? Auch damit wir nachher nicht über die Sinnlosigkeit solcher Taten und das verlorene Leben der Opfer trauern müssen.

Nicht nur mein Mann, der den Tag vom OEZ-Amoklauf im Antenne Bayern Radiostudio arbeitete – und dann auch die halbe Nacht dort verbrachte, weil sich die Lage in München so abrupt veränderte – bekam live durch Call ins mit, in welcher Panik die Augenzeugen waren.

Auch mein lieber Freund Andreas, mit dem ich damals immer wieder auf Kriseninterventionseinsätze  gefahren bin (ich habe darüber auch schon mal gebloggt), war mittendrin. Er war einer der ersten vor Ort, im OEZ. Nur kurz habe ich gestern mit ihm gesprochen, weil es um die Vermittlung eines Interviews ging.

Aber einmal mehr war ich tief beeindruckt von seiner Expertise und seiner Menschlichkeit. Glücklich, dass es Menschen wie ihn und seine Kollegen gibt, die sich solche Situationen zutrauen und Menschen helfen. Die gestern, nach dem Amoklauf, den Tag damit verbracht haben, gemeinsam mit der Polizei die Todesnachrichten zu überbringen. Bei den Angehörigen zu klingeln und das zu sagen, was unaussprechlich ist.

Jeder Münchner hat seine eigene Geschichte zum Amoklauf. Jeder war irgendwo, als alles losging. Kannte jemanden, der im Verkehr feststeckte oder der nachts nicht mehr nach Hause kam und Unterschlupf bei einer der vielen offenen Türen fand.

Das wurde mir gestern bewusst, als ab 15:00 nach und nach die Gäste eintrafen, die wir zu Ludwigs Klassenparty zum Grundschulabschluss eingeladen hatten.

Wir haben gestern mit vierzig Münchnern das Leben gefeiert. Die vier wunderschönen Jahre, die wir miteinander hatten. Alles was noch kommt. Im Bewusstsein, dass die Menschen, die Donnerstag verstorben sind, kein Fest mehr feiern werden. Obwohl viele von ihnen noch so jung waren.

Sie werden keinen Abschiedskuchen und kein Abschieds-Tiramisu mehr essen.

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Sie werden keine Wasserschlacht mehr machen und nicht mehr auf dem Trampolin springen.

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Nicht mehr mit ihren Mädels Hanni und Nanni schauen.

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Und nie mehr mit ihren Jungs die Köpfe über dem iPad zusammenstecken.

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Sie werden nicht mehr dasitzen, ihren Klassenkameraden beim Spielen zuschauen und einfach den Moment genießen.

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Auch eine Frau und Mutter ist bei dem Amoklauf im OEZ gestorben.

Sie wird nie mehr so eine Party für ihre Kinder geben.

Sie wurde der Chance beraubt, ihre Kinder glücklich zu machen.

Sie war 45 Jahre alt.

Genau wie ich.

Eure Svenja

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