Fremdbestimmt

Wer mich im echten Leben kennt, weiß: Ich bin wirklich gerne Mutter. Leider hasse ich aber gleichzeitig nichts mehr, als fremdbestimmt zu sein. Doch genau das bedeutet Kinder zu haben im Kern viele Jahre lang. Wir stellen das Wohl unserer Kinder nicht nur an die erste Stelle, sondern wir sind Meisterinnen darin, den Nährboden zu beackern, auf dem eine glückliche Kindheit entstehen und ein in sich ruhender kleiner Mensch heranwachsen kann. Mit einem guten Selbstbewusstsein, einem Verständnis dafür, wie man sich in einer Gruppe benimmt und dem Wissen, dass egal was kommt, wir für ihn da sind und alles geben.

Wir stehen sonntags am Spielfeldrand und jubeln unseren Kindern zu. Wir trösten sie dienstags, wenn sie mit dem Fahrrad gestürzt sind. Und freitags gehen wir zu dem Müttertreffen, weil all ihre Freunde da sind. Obwohl wir eigentlich noch die Buchhaltung machen, den Keller ausmisten und in den Supermarkt fahren müssten. Einfach weil wir wissen, dass unsere Kinder da unbedingt hin wollen und wir glücklich sind, wenn sie glücklich sind.

Wir stellen ihre Bedürfnisse sehr oft über unsere eigenen und brauchen dann ab und zu dringend mal fünf Minuten Pause, eine Tasse Kaffee oder einen Schnack mit der besten Freundin am Telefon. Oder noch besser: alle drei Dinge zusammen. Und ja: Unsere Kinder entwickeln sich prächtig und die ganze Fremdbestimmung zahlt sich aus.

So sind sie, die Mütter. Oder sagen wir mal: fast alle. Denn dieses Wochenende habe ich mal einen Eindruck davon bekommen, wie Frauen denken, die das nicht tun. Ihr erinnert euch vielleicht noch schwach an den Post über die Mütter, die sich im Kindergarten nicht in die Listen eintragen. Die, die sich bei Sommerfesten nicht engagieren und die auch ansonsten nicht “Hier” schreien, wenn es darum geht, etwas zu dekorieren oder zu organisieren. Die ticken nämlich tatsächlich ganz anders.

Halten uns für planlos, wenn wir noch vor Ende des Kindergartenjahres einen Termin abstimmen wollen, um das Abschlussgeschenk für die Erzieherinnen zu basteln. Dass wir ihre Kinder mitnehmen würden und sie noch nicht mal selbst fahren müssten, lassen sie unter den Tisch fallen. Dass sie ja in der Woche immer so viel zu tun haben, nicht. „Wir haben ja so viele Termine, da haben wir für so etwas keine Zeit.“ Schade, dachte ich. Die Erzieherinnen haben ja schließlich lange Zeit auf eure Kinder aufgepasst.

Die anders tickenden Frauen tun sich auch schwer, eine Kleinigkeit zum Gemeinschaftsgeschenk (eine durch die Kinder selbstangemalte Schale) beizutragen. „Was soll ich denn da kaufen? Ein Duschgel vielleicht?“ wird die Bitte hämisch weggelacht. Gut, dann hat sie eben Blumen zum einpflanzen gekauft – „obwohl ich noch nicht mal wusste, ob „die“ einen Garten hat. Wo wohnt „die“ überhaupt?“

Und ich sitze da und denke: Wahnsinn, die redet über Tina, mit der ich mich jeden Morgen 5 Minuten unterhalte. Die das Hühner Geschirr von Kustermann mag. Und Bergtouren und Fahrrad fahren. Die ihren 40sten neulich groß gefeiert hat. Katzen liebt und kein zweites Kind mehr will. Und morgens unbedingt einen Kaffee braucht.

Wie traurig mich das macht, muss ich wohl gar nicht sagen. Und was diese Mutter noch so alles von sich gegeben hat, auch nicht. Nur noch ein Beispiel.

„Sag mal Svenja, was habt ihr eigentlich für einen Schreibtisch?“ fragt sie. „Gar keinen“, sage ich. „Lissy macht ihre Hausaufgaben am Küchentisch.“ „Was? Also damit fangen wir gar nicht erst an. Das will ich nicht. Meine Tochter soll sich von Anfang an in ihr Zimmer setzen und da alleine ihre Aufgaben machen. Sie kann mich ja gerne was fragen, aber grundsätzlich soll das ihre Sache sein.“

Ihre Sache??? In der ersten Klasse? Wie bitte?

Und dann fiel mein Groschen. SO ist das also, wenn man Kinder hat und nicht fremdbestimmt ist. Man trägt sich nicht in die Listen im Kindergarten ein und auch nicht in die Listen des Lebens. Denn das besteht nun Mal oft aus Kindern, die in der Nähe ihrer Mutter sein wollen, wenn es neue Situationen zu meistern gilt. Aus dem Bemühen, einen Draht zur Erzieherin herzustellen, weil die jeden Tag Stunden mit meinem Kind verbringt. Und aus der Einsicht, dass die eigenen Pläne manchmal durchkreuzt werden, damit das Kind Teil einer Gruppe sein kann.

Sich aus dieser Fremdbestimmung bewusst rauszuziehen ist eine Haltung, zu der Einiges gehört. Die Fähigkeit, Dinge nicht zu spüren. Das Talent, Dinge zu übersehen und sie nach eigenem Gutdünken umzuformen. Und vielleicht auch eine Kindheit, in der man selbst nicht am Küchentisch sitzen durfte und das schöne Gefühl deshalb gar nicht kennt. Ich jedenfalls war plötzlich zum allerersten Mal in meinem Leben gottfroh, fremdbestimmt zu sein. Und dankbar.

13 Kommentare

  1. Liebe Svenja! DANKE für deinen Post. Ich hab die letzten Wochen sehr ähnliche Gedanken mit mir herumgetragen (rund um KindergartenEnde, Abschlussgeschenk etc. etc.) und ähnliche Erfahrungen machen müssen. Ich war und bin diesbezüglich sowas von enttäuscht und sprachlos…. Du hast mir aus der Seele gesprochen und ich genieße es auch, fremdbestimmt zu sein – auch wenn vieles hinten oder liegen bleibt, es manchmal sehr anstrengend ist – aber ich bin davon überzeugt, dass es sich sehr lohnt (manchmal gleich, manchmal dauert es ;-) alles liebe dir!!!

  2. Hallo Svenja, leider schielen wir ja viel zu oft auf die Leute, die nicht so fremd bestimmt sind. Aber wenn wir einen Blick ans Ende unseres Lebens werfen könnten und darauf, was unsere Kinder oder andere Leute mal über uns sagen werden, dann hilft mir das Prioritäten zu setzen. Sollen Sie sagen: “Ich habs auch ohne meine Mama geschafft, sie wollte nur dass ich funktioniere?” oder besser “Meine Mutter war immer da für mich, wenn ich sie brauchte. Da hat sie alles andere stehen gelassen. Meine Mutter hat mich wirklich lieb.” Sollen sie sagen: “Wau, was für eine disziplinierte, zielstrebige Person, sie hat alles geschaft, was sie erreichen wollte?” oder eher “Sie hatte das Herz am richtigen Fleck. Sie hat sich nicht nur um sich selbst gedreht!” Ich will nicht, dass man über mich sagt: “Wau, bei ihr war immer alles blitzsauber, man hätte jederzeit vom Fußboden essen können… Aber leider kam es nie dazu, denn sie war so mit putzen beschäftigt, dass sie keine Gäste oder Kinder hatte….
    Das ist natürlich extrem. Aber eben auch sehr tröstlich. Was willst du, was man am Ende über dich sagen soll?!
    Liebe Grüße, Andrea

  3. Danke für diesen Post! Da bin ich auch sehr gerne fremdbestimmt, denn SO wie die beschriebene Personengruppe möchte ich gar nicht sein.

    Übrigens habe ich am Wochenende dein Rezept für den gedeckten Apfelkuchen ausprobiert und bin begeistert. Mein Sohn möchte jetzt nur noch so einen Apfelkuchen essen *g*.

    Liebe Grüße,
    Jessica

  4. Danke Svenja, für diesen Post! Am Wochenende durfte ich auch die Erfahrung machen, wie Eltern sind, die nicht fremdbestimmt sind… Deren Leben mit Kind einfach weiter geht, als ob es nicht da wäre. Essen gehen, Shoppen gehen, all die Dinge die wir nicht mehr machen, seit unser kleiner Mann da ist.
    Manchmal geht einem das ganz schön an die Substanz, aber dann ist es immer wieder schön, ein herzhaftes Kinderlachen zu hören, weil man auf dem Boden liegt und “Brummbrumm” mit der Wurst spielt… Und nicht im schicken Restaurant saß. Dann weiß man, warum man gerne fremdbestimmt ist.
    Vielen Dank dafür, das du gezeigt hast, das es nicht nur uns so geht!
    Liebste Grüße,
    Tatjana.

  5. Ich finde, dass hier einiges an Informationen fehlt. Wer sind diese Mütter, die nicht mitbasteln wollen/können bei einem Abschiedsgeschenk, die sich nicht in Listen eintragen? Warum tun diese Mütter das nicht? Heißt es denn gleichzeitig dass sie ihre Kinder nicht genauso lieb haben wie die Mütter, die sich den ganzen Tag nur um ihre Kinder kümmern?

    Meine Mutter hat sich immer sehr um uns gekümmert, konnte sich aber nicht in Listen eintragen. Und konnte auch nicht freitags zum Gruppentreffen. Sie musste arbeiten. Alleinerziehend, kein Geld, keine Hilfe. Wir wurden von unserer Tagesmutter vom Kindergarten abgeholt, Mama kam erst am frühen Abend und holte uns von dort ab. Wir wurden auch oft von anderen Müttern abgeholt, waren viel bei unseren Freunden. Das heißt aber nicht, dass sie eine schlechte Mutter ist. Oder dass wir keine schöne Kindheit hatten. Ganz im Gegenteil.

    1. Liebe Lina, wir haben auf der meinesvenja facebook Seite schon hoch und runter diskutiert – da habe ich dann ein paar Infos schon nachgeliefert. Nochmal in Kürze: Mein Blogpost handelt von EINER Mutter, die die Zeit hätte und sich nicht engagiert. Er spiegelt MEINE persönliche Meinung genau zu dieser einen Mutter und die Situation auf die ich gestern gestoßen bin. Ich hatte auch eine alleinerziehende Mutter, die wenig Zeit hatte – die deshalb auch keine schlechte Mutter war. Aber wenn jemand die Zeit hätte, nichts tut und dann noch über die, die sich engagieren (und sie vieleicht nicht hätten) frotzelt und sich mehr als seltsam benimmt – dann stört mich das. Es ist bei solchen Posts oft so, dass meine Leser nicht so sehr meine Geschichte lesen sondern ihre eigene Situation im Hinterkopf ablaufen haben. So soll es ja auch sein – wir regen uns gegenseitig zum Nachdenken an. Danke Dir für Deine Meinung und Deinen Beitrag! Ich finde ihn sehr wertvoll. Deine Svenja

  6. Ich glaube die Sache mit den Schularbeiten (finde ich auch befremdlich) hat gar nichts mit der Sache mit dem Geschenk zu tun. Ich verstehe nicht, warum einige Menschen bestimmten Berufsgruppen Geschenke machen. Zu diesen Gruppen gehören für mich z.B. Arzthelferinnen (richtiger Medizinische Fachangestellte), Physiotherapeuten und auch Lehrer und Erzieher. Diese Leute gehen doch auch nur ihrem Beruf nach und bekommen dafür ein Gehalt. Wenn sie ihre Sache richtig gut machen und sich engagieren kann ich ihnen das sagen, das finde ich auch wichtig. Ich selber bin in meinem Beruf auch viel in Kontakt mit Menschen und ich bin nach meinem Gefühl oft engagierter als ich es sein müsste. Dafür bekomme ich aber keine Geschenke und möchte das auch nicht.
    Ich kann die Frage nach dem Duschgel tatsächlich nachvollziehen, denn: was soll Tina denn mit einer von Kindern angemalten Schale machen? Sich in die Wohnung stellen? Da wäre sie ja innerhalb weniger Jahre zugestellt mit selbst gebastelten Geschenken. Ein Blumenstrauß als nette Geste wäre mich das einzige, was ich machen würde, alles andere wäre für mich peinlich. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich oder meine Eltern als Kind jemals einer Lehrerin etwas geschenkt hätten. Wahrscheinlich gehöre ich in die Kategorie “weltfremd” aber etwas für eine Gruppe zu organisieren ist meiner Erfahrung nach sehr schwierig, da jeder ein anderes “Lebensgefühl” hat.

    1. Liebe Anette, spannend, das sehe ich ganz anders. Die, die mir im beruflichen Leben begegnen, aber mich emotional berühren, die beschenke ich gerne mal. Tina hat sich über die Schale riesig gefreut – sie ist allerdings auch WIRKLICH schön geworden und nicht sowas halbgares Selbstgemachtes, was man lieber gleich wieder verschwinden lässt. Alles Liebe, Svenja

      1. Also ich haette mich über eine selbstgemachte Schale sehr gefreut und in die Wohnung gestellt…denn diese Geschenke finde ich besonders wertvoll, weil sie einmalig sind. Ich gehöre ja zu der sozialen Berufsgruppe und finde es toll, wenn meine Arbeit wertgeschätzt wird. Und ganz ehrlich, gerade im sozialen Bereich wird die Arbeit doch nicht wirklich entlohnt. Und wenn dann mit weitaus mehr Engagement und Herz die Arbeit erledigt wird, als mit Gehalt abgegolten werden kann und dies aus freien Stücken passiert, ist ein kleines Geschenk doch ein tolles Zeichen, dass man seine Arbeit gut macht.
        Und zu den Müttern, die sich nix in Listen eintragen: ja, die gibt es, aus welchen Gründen auch immer. Aber es gibt zum Glück auch eine Reihe von sehr engagierten Müttern, das darf ich immer wieder erleben und ist eine große Freude und Bereicherung. Liebe Grüße Simone

  7. stimme ich dir voll und ganz zu.

    die mütter, die bei uns beim abholen/bringen 5min bei der erzieherin stehen und sich unterhalten, sind leider keine mütter die sich für die erzieherin interessieren, sondern mütter, die sich über ihr kind profilieren und von der erzieherin hören möchten wir gut sich ihr kind doch heute wieder im kiga gemacht hat. :-/

  8. Liebe Svenja,

    ich finde es schade, dass Du zu einer Diskussion einlädst, die Menschen aufgrund ihrer Verhaltensweisen schubladisiert. Weshalb eine Person etwas tut oder nicht tut, kann verschiedene Gründe haben und ist oft von aussen nicht erkennbar. Nicht alle Mütter, die keinen Kuchen backen, sind schlechte Menschen.

    Im Gegenteil habe ich oft den Eindruck, dass auch deshalb oft auf Menschen herumgehackt wird, die vielleicht etwas aus der Reihe tanzen und gegen den Strom schwimmen, weil man auf diese Menschen und die Freiheiten, die sie sich vielleicht entgegen gewisser Konventionen herausnehmen, insgeheim ein bisschen neidisch ist. Das versucht man dann zu kompensieren, indem man diese Personen herabsetzt und sich dadurch besser fühlt. Das muss aber nicht sein und bringt niemanden weiter.

    Das Muttersein ist in der heutigen Gesellschaft mit vielen Schwierigkeiten behaftet, der ganze Pathos, das Perfekt-Sein-Müssen, das völlige Tabuisieren auch ambivalenter Gefühle in dieser Rolle, von der schwierigen Vereinbarkeit von Familie und Beruf ganz zu schweigen. Es wäre deshalb schön, wenn wenigstens Mütter (die ja wissen, wie die Realität aussieht) sich gegenseitig unterstützen würden und nicht noch dazu einladen, auf anderen rumzuhacken, weil sie irgendwelche Erwartungen nicht erfüllen.

    Ich habe selber zwei Kinder, die ich sehr liebe und nach bestem Wissen und Gewissen ins Erwachsenwerden begleite. Ein bisschen mehr Solidarität, Toleranz und Nachsicht unter Müttern und unter Menschen generell könnte meiner Ansicht nach nicht schaden.

    Herzliche Grüsse, Claudia

    1. Liebe Claudia, es geht mir nicht darum, jemanden anzuklagen. Ich nehme jeden Tag wahr, dass Mütter den Draht zu ihren Kindern verlieren. Das Schulen danach ausgesucht werden, wie lange die Kinder verräumt sind. Neulich habe ich darüber geschrieben, dass unser Eltenrbeirat einen Brief dazu geschrieben hat, dass immer mehr offensichtlich kranke Kinder in der Schule abgegeben werden – und wenn die Eltern dann angerufen werden, dass die Kinder abgeholt werden müssen sind sie entweder nicht zu erreichen oder total genervt. Ich bin die ERSTE die ambivalente Gefühle der Mutterrolle gegenüber hat. Ich schreibe auch permanent darüber, dass mir das fremdbestimmt sein schwer fällt und ich meine Freiheit vermisse und ich das nicht unter einen Hut kriege. Aber trotzdem stehen die Gefühle meiner Kinder an erster Stelle. Und Du hast recht: das hat mit Kuchen backen nichts zu tun. Aber ganz viel damit, dass man mit dem Herzen sieht. Alles Liebe, Deine Svenja

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