Alles geben

Alles geben

Mit euch schaue ich ZIEMLICH optimistisch in die Zukunft.

Meine Lieben,

heute hätte ich fast ein Foto von mir gepostet, auf dem ich 26 bin. Da war ich auf einer Party eingeladen – und die hatte folgendes Motto: “Zuhälter und Bordsteinschwalben”. Ihr könnt euch denken, dass ich eine Weile drüber nachgedacht habe, was ich da anziehe. Entschieden habe ich mich für weiße Unterwäsche, weiße halterlose Strümpfe, weiße Plateauschuhe und ein Kleid, das ich mir nur aus Klarsichtfolie gewickelt habe. Und ich könnte jetzt wetten, dass euer Kopfkino viel besser ist, als das eigentliche Bild.

Wir Frauen haben so viele verschiedene Seiten. Wenn wir jung, frei und unbeschwert sind, trauen wir uns, die auch zu leben. Je mehr wir uns für Dinge entscheiden – Beruf, Mann, Kinder – desto eher sind wir gezwungen, Teile abzulegen. Nur um später oft festzustellen, dass sie uns eigentlich fehlen.

Nicht, dass ich mit 43 wieder Kleider aus Klarsichfolie tragen möchte. Aber ein paar Seiten, die ich abgegeben habe, möchte ich wieder zurück. Vor allem, seit ihr mir auf meinen Post über die Möglichkeiten, die uns die Gesellschaft nicht einräumt, so viel geschrieben habt. Bitte lest sie, die Kommentare – sie sind unglaublich vielfältig und zeigen, dass es uns allen so geht. Ich kann sie förmlich spüren, eure Sehnsucht nach Freiheit und Veränderung.

Die Sehnsucht, zu leben, wie ihr es für richtig haltet. Zu sein, wer ihr sein wollt.

Natürlich sind wir ehrgeizig. Wir haben Lust, in unserem Beruf was zu erreichen. Wir haben Lust, für unsere Kinder in einer grandiosen Weise da zu sein. Wir sind ambitioniert, wir sind humorvoll und wir haben das Herz auf dem richtigen Fleck. Wir können so viel wuppen – und wir haben jede Anerkennung verdient. Wer die Gesellschaft so trägt, wie wir, darf seine Stimme heben.

Mein lieber Freund und Sänger Arthur, mit dem ich neulich gemeinsam mit Uwe einen herrlichen ersten Abend verbracht habe, hat durch meinen Post inspiriert ein Video dazu gemacht. Geht thematisch zwar auch noch in eine etwas andere Richtung aber ich dachte: JA. Wir müssen lernen, wieder ganz offen zu sagen, wer wir sind. Was wir uns wünschen. Und vor allem: was aus unserer Sicht notwendig ist, damit diese Gesellschaft wieder besser funktioniert.

Viel zu lange haben wir den Kopf geschüttelt, aber nichts getan. Und dabei ganz vergessen, dass WIR doch die Gesellschaft sind. Nur wir können ändern, wie man in Deutschland lebt und leben kann: indem wir selbst anders leben und den Mund aufmachen, ohne gefragt zu werden. Steter Tropfen höhlt den Stein.

Wir können morgens zum Bücherbasar in den Kindergarten fahren und nachmittags an einer Podiumsdiskussion teilnehmen. Wir können einen Blog haben, auf dem wir sagen, was wir denken – kein Mensch muss dafür heute noch Chefredakteur einer Tageszeitung sein. Wir können Videos auf youtube stellen, in denen wir unsere Stimme erheben.

Niemand muss heute mehr in die Politik, um etwas zu bewegen – siehe die Hebammen-Petition. Wer, wenn nicht wir, weiß, was Frauen in unserer Gesellschaft brauchen?

Wir müssen es nur sagen.

Eure Kommentare haben mir das Herz aufgehen lassen und es teilweise schwer betrübt. Ich möchte nicht lesen, dass es Lehrerinnen gibt, die ein Bett im Klassenzimmer stehen haben, in das sich kranke Kinder legen können, weil ihre Eltern arbeiten müssen. Oder die zusätzliche Pausenbrote in der Schublade des Lehrerpultes verstecken, weil manche Kinder nie was zu Essen dabei haben. Nicht, weil ich meine Augen verschließen möchte, sondern weil das kein Zustand ist, den wir nicht ändern können.

Wenn wir Klarsichtfolie nicht mehr um unsere Körper wickeln, dann vielleicht jetzt um zusätzliche Pausenbrote. Wenn wir einen Mann oder eine Oma haben, die uns was abnehmen können, dann können wir vielleicht der alleinerziehenden Mutter von nebenan mal unter die Arme greifen. Wenn wir die Augen aufmachen und so leben, wie alle leben sollten – mit dem Herz an der richtigen Stelle, mit einer Stimme, die die Wahrheit spricht und dem Mut, diese laut zu gebrauchen – dann ist schon viel gewonnen.

Alles geben ist ein Anfang.

Lasst uns zusammen einen Pfad in die Büsche schlagen, wo die Politik den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht. Und dort eine Bühne zusammenzimmern, die ein hervorragender Ort für all die sein wird, die mitmachen wollen.

Alles geben ist ein Anfang. Alles verlangen der notwendige nächste Schritt.

In diesem Sinne,

Eure Svenja

8 Kommentare

  1. Wow, Svenja, das hast du grandios beschrieben! Genau so sollte es sein und ich denke, dass es in kleinen Kreisen auch schon funktioniert. Natürlich nicht überall, aber viele Mütter ( ich auch) fangen ja ab Geburt des Kindes an, Netzwerke aufzubauen und sich gegenseitig zu helfen.
    Ich habe die Hoffnung, dass wir auf einem guten Weg sind, für unsere Bedürfnisse und die unserer
    Kinder aufzustehen, laut zu werden und gemeinsam dafür zu streiten. Ich wünsche uns allen viel Energie und Stärke!
    Danke für deinen Blog, ich finde ihn inspirierend! Fühl dich, wenn auch unbekannterweise, umarmt.
    Friederike

  2. Hallo Susa,
    falls Du auf facebook bist, da gibt es eine Gruppe, die heißt “Mamas helfen – das Original”. Ist aus der Flutkatastrophe entstanden. Sie organisieren für viele Familien schnelle Hilfe. Ich denke Du wärst sicher eine Kandidatin, der man schnell versucht unbürokratisch zu helfen. Alle Mitglieder der Gruppe versuchen zu helfen wo es geht, oft hat es auch einen Paten vor Ort. Oder Du wendest Dich an den Verband für alleinerziehende Mütter und Väter in Deiner Nähe. Bitte hab keine Scheu Dir helfen zu lassen. Du sollst damit nicht allein sein.
    Alles Liebe, Tina (auch eine “Ein-Eltern-Familie”)

  3. Hallo Susa,

    wo lebst Du? Vielleicht können wir hier gemeinsam organisieren, dass jemand der Leserinnen Dir hilft. Das kann ja nicht so weiter gehen, auch wenn Du bewunderswerterweise zumindest noch den Kopf hochhältst!

    VG Carla

  4. Liebe Susa!
    Um Gottes Willen! Das ist ja sowas von furchtbar!!! Und das im ach so reichen Deutschland. Was ist hier nur los? Leider kann man von weit weg immer nicht so viel tun… Bitte erkundige dich bei den Tafeln. Eine Freundin hatte letztes Jahr auch ne ziemlich haarige Trennung und während dessen durfte sie da ihr Essen einkaufen. Es hat ihr und dem Kleinen sehr geholfen. Mach dir nichts daraus. Frag einfach nach und sei ehrlich!
    Vielleicht fällt Svenja auch noch etwas ein. Wir könnten doch sammeln. Jeder, der meint, etwas beisteuern zu wollen, könnte sich bei dir melden. Hast du ne Facebook-Seite?
    Außerdem kannst du gegen den Arbeitgeber rechtlich vorgehen. Vielleicht liest ja eine Anwältin mit, die dich beraten könnte?! Um Hilfe zu bitten ist niemals jammern! Jeder hat schließlich im Leben schon mal nen A…tritt bekommen. Bei dir waren es halt ein paar mehr. Lass dich nicht hängen. Und Respekt dafür, dass du ohne Hilfe so weit gekommen bist! Fühl dich gedrückt und halt den Kopf nach oben!
    Und an alle anderen: hier haben wir schon die erste echte Möglichkeit zu zeigen, wer wir sind und was in uns steckt! Also frei nach dem Motto: Wem fällt etwas ein, womit wir Susa helfen können?!

  5. Liebe Susa, ich und meine Leserinnen sind einer Meinung: da kann man doch was machen. Was brauchst Du? Mach bitte Piep und wir organisieren was. Ich schicke Dir jetzt eine Mail, damit Du meine Adresse hast – dann kannst Du mir auch abseits der Öffentlichkeit schreiben, wenn Dir das lieber ist. Auf jeden Fall können wir gemeinsam was für Dich wuppen – toll, dass Du Dich gemeldet hast. Deine Svenja

  6. In was für einer traurigen Welt leben wir, dass es immer noch möglich ist, dass Männer auch nach der Trennung soviel Macht ausüben können und uns Frauen nichts anderes übrig bleibt als mitzumachen. Ja, wir wollen unabhängig sein von den Männern, aber alles hat seine Zeit und unseren Kindern müssen wir die Zeit schenken, um sich entfalten zu können. Wir wollen/ müssen unsere Kinder in eine Welt entlassen und ihnen einen guten Start geben, aber wie soll das gehen, wenn die existentiellen Dinge nicht funktionieren. Warum muss eine Alleinerziehende Familie solche Tyrannei aushalten?
    Ich bewundere Susas Stärke und Kampfesgeist!!

  7. Der Mann ist aber doch für alle Kinder unterhaltspflichtig und Kindesunterhalt geht vor allem. Ich hoffe, du hast einen Anwalt eingeschaltet, Susa? Außerdem steht dir auch Kindergeldzuschlag zu und Beratungshilfe und PKH für den Anwalt.
    Wenn du jetzt in Rente gehen sollst, geht dem ja wahrscheinlich schon ein längeres Verfahren voraus, oder? Ich weiß nicht genau, wie das beim Beamten läuft. So eine Frühverrentung ist natürlich schlecht, da man da echt nicht viel bekommt. Aber dann stehen dir ergänzend Leistungen vom Staat zu (Wohngeld, Grundsicherung usw.). Ich hoffe, dass dir jemand dabei hilft das alles zu beantragen, der sich damit auskennt.
    Einstweilen solltest du sofort zu der Tafel bei dir vor Ort gehen.
    Mich wundert es aber ehrlich gesagt ein wenig, dass man als Beamter einfach so abgespeist werden soll.

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