Ihr Lieben,

letzten Montag war ich als Speaker auf der AllFacebook Marketing Conference in Berlin und habe mir natürlich auch Vorträge von Kollegen angehört, um zu schauen, was es Neues gibt.

Anstatt die Talks zusammenzufassen, habe ich die wichtigsten Themen für euch geclustert. Denn interessanterweise haben viele Speaker dasselbe gesagt, aber ihre Aussagen ganz unterschiedlich belegt. Es gibt also einige Problemfelder und einige Chancen, die mehrheitlich gesehen werden. 

Die Problemfelder

1. Filterblasen, Fake News und digitale Tribalisierung.

Puh. Also Sascha Lobo ging mit seiner Keynote direkt in die Vollen und Halleluja – das, was während der US-Präsidentschaftswahl passiert ist, findet wirklich niemand witzig. Problem ist nur: Die meisten verstehen gar nicht, was wirklich passiert ist. „Die Russen“ haben da irgendwas gemacht. „Fake News“. Alles so Dinge, die wir gehört haben und ja, wir wissen: all unsere Daten werden geklaut.

Eins ist mir seit Saschas Vortrag klar. Wegschieben kann ich das nie wieder. Wir haben nämlich ein riesiges Problem und wenn wir nicht aufwachen, könnte sich das Trump Desaster in Deutschland wiederholen. Und das GEHT nicht. Also müssen mehr Menschen begreifen, was da gerade passiert. Und ich kann dazu vielleicht ein ganz klein wenig beitragen, indem ich euch bitte, Saschas Artikelempfehlung zu lesen. Der Artikel ist NULL leichte Kost, dazu auch noch wirklich lang, aber ich bitte euch trotzdem darum. Auch wenn ich selbst mehrmals ansetzen und mich durchbeißen musste. Setzt euch also dran, wenn ihr frisch seid – so lange packt ihr ihn einfach auf die Leseliste.

Und zwar, weil sich mit dem Lesen eine Riesenchance für euch bietet. Nämlich Facebook, Filterblasen, den politischen Umbruch und eure Rolle darin ganz anders einzuordnen und zu begreifen. Wenn ihr nur einen Artikel lest im restlichen Jahr, lest diesen über Digitalen Tribalismus und Fake News.

2. Unternehmen zahlen im Internet, um Reichweite zu bekommen – und finden das total normal.

Vielleicht bin ich ja total naiv. Aber als ich mir im Vorfeld das Programm der AllFacebook durchgelesen habe, dachte ich: „Super, da gibt es einige Vorträge, in denen es um organische Reichweite geht.“ Hatte ich unter anderem bei diesem Titel vermutet: „E.ONs Antwort auf Facebook Zero – Strategien für mehr Engagement“.

Nun handelte der Talk durchaus davon, was E.ON unternimmt, um Reichweite auf Facebook zu bekommen. Aber alle Posts werden geboostet. Es wird also (neben dem Entwickeln guter Ideen) für Sichtbarkeit bezahlt. Das ist für mich aber keine Antwort auf Facebook Zero, die ich interessant finde, denn die ist ja naheliegend.

Während ich als Blogger nie irgendwas zahle oder booste und trotzdem Reichweite habe, scheinen Unternehmen es also heute total normal zu finden – und sich damit abgefunden zu haben – dass man für Sichtbarkeit, Reichweite und Engagement im Internet zahlen muss. Nicht nur auf Facebook, sondern auch auf YouTube, Instagram und allen anderen Plattformen.

Ich sehe das komplett anders. Wer gute Inhalte für die Community bereitstellt, die wirklichen Nutzen bieten, kommt weiterhin auf Google Seite 1. Dazu werde ich spätestens nächste Woche einen langen Artikel schreiben und nochmal verraten, wie ich das mache.

3. Viele Social Media Manager, Unternehmen und Social Agenturen haben sich emotional abgekoppelt. Es geht nicht mehr um ein Gespräch zwischen Menschen, sondern um Engagement, Traffic und Klicks.

Dan von Einfach Dan hat das ziemlich deutlich auf den Punkt gebracht. Und das war echt traurig. Eine Bedeutung haben am Ende meiner Meinung nach nur die, die sich gegenläufig zu diesem Trend verhalten. Die echte Kommentare dalassen, die Menschen wirklich mögen und fördern und die Werte nach außen tragen, die über Jahre Bestand haben. So hat man im Internet Erfolg – und im echten Leben.

4. Es fehlt bei vielen Personen, die Social Media beruflich betreiben, an soliden, handwerklichen Grundlagen.

In meinem Vortrag ging es darum, wie man Social Media Videos günstig aber hochwertig produziert. Vor dem Vortrag habe ich gefragt, wer im Saal in seinem täglichen Geschäft mit Videoproduktion, -planung und -aufnahmen zu tun hat. Da haben sicher 100 Menschen aufgezeigt. Dann habe ich gefragt, wer im Bereich Video und Film eine Ausbildung hat. Da haben nur noch drei Menschen aufgezeigt. Houston, we have a problem.

5. Die größte Überzeugungskraft muss nach innen geleistet werden.

Der Mann von EO.N hat es genauso gesagt, wie auch einige andere. Die größten, teils harschen Kritiker, sitzen im eigenen Unternehmen. So werden z.B. manchmal gut laufende Videos bei YouTube runtergenommen, weil der Gegenwind aus den eigenen Reihen zu groß ist. „Zu modern“, „zu verrückt“, „zu wenig wir“ heißt es dann Inhouse. Mit solchen Allgemeinplätzen kann man natürlich jede Innovation stoppen. Dabei brauchen wir die in Social so dringend.

Kleiner Hoffnungsschimmer: Bei den Insta Stories scheint Narrenfreiheit zu herrschen. Ob das die alten Bosse nicht ernst nehmen (oder nicht wahrnehmen?). Jedenfalls machen bei E.ON die Praktikanten die Stories und haben damit sogar den Deutschen Preis für Onlinekommunikation 2017 gewonnen. Das sollte den unternehmenseigenen Angsthasen zu denken geben.

Die Chancen

1.  Die Person und das persönliche Statement werden wieder attraktiver.

Durch die Reihe setzen Unternehmen heute gerne auf Nischen – und damit auch auf kleine Influencer, die in ihrer Zielgruppe Großes bewirken können. Nicht nur im Talk über LinkedIn wurde betont, wie wichtig es ist, persönlich und menschlich aufzutreten. Auch Miriam Wiederer, Mitgründerin und GF der Social Community „Echte Mamas“ ist davon überzeugt.

Deshalb kommentiert sie manche Beiträge innerhalb der Facebook Gruppe auch nicht mit dem Firmenaccount, sondern nutzt ihr privates Profil mit Klarnamen. 

2. Kreativität und das wirkliche Kennen und enge Eingrenzen der Zielgruppe zahlen sich aus.

Der Vortrag über die Fernet Branca Kampagne „Life is bitter“ war spannend – und zeigte einmal mehr, wie wichtig es heute ist, seine Zielgruppe sehr eng einzugrenzen. Auch da gilt wieder: Je nischiger und konkreter, desto besser.

Dabei hat die Marke Fernet Branca ein sehr spezielles Problem – ihr sterben an der oberen Altersgrenze die Konsumenten weg. Ziel ist es deshalb, neue, junge und urbane Kunden zu finden und aufzubauen. Dazu wurden mehrere Gruppen definiert, das nächste Foto zeigt nur eine Auswahl:

Diese Gruppen wurden dann nochmal sehr genau bestimmt – klar, auch für’s Targeting auf Facebook. Aber auch mal ganz weg von Werbeausgaben gedacht: Kennt ihr eure Zielgruppen so gut und macht ihr euch solche Gedanken? Wenn (noch) nicht: do it. Hier einmal die Werber und die Studierenden im close up:

Für die einzelnen Zielgruppen wurden dann jeweils spezielle Motive entwickelt. Sehr kreativ, aber eben auch sehr zugeschnitten auf die jeweiligen Personas.

Zwei andere kreative Ideen, die ich aus Talks mitgenommen habe:

a) Solltet ihr in einer Branche sein, die Aufregerthemen bietet (bei E.ON z.B. E-Mobility), setzt einen Faktencheck-Artikel auf, auf den ihr immer wieder verweisen könnt, wenn der Gegenwind einsetzt.

b) Fragt eure Community zu konkreten Themen (z.B. bei Echte Mamas Windeln, Feuchttücher und Hautpflege) und leitet aus den Antworten Artikel ab, die thematische Volltreffer sind.

3. Die richtige Botschaft am richtigen Ort im richtigen Kontext.

Im Fall der Fernet Branca Kampagne heißt das nicht nur, Plakate mit den richtigen Botschaften im passenden Stadtteil aufzuhängen und den Werbesätzen so einen neuen Kontext zu geben.

Sondern auch online den richtigen Ort für die Botschaften zu finden. Und da darf man ruhig ein wenig kreativ werden. Oft denken wir nur in den gängigen Plattformen wie Instagram und Facebook. Aber weil das Unternehmen Barkeeper, Streamer und Feierfreudige als Zielgruppe hat, sind auch Apps wie Shazam und Plattformen wie Spotify interessant.

Witziges Beispiel: Eine Werbeplatzierung war so gebucht, dass sie angezeigt wurde, wenn Shazam NICHT herausfand, welches Lied gerade gespielt wurde. Dann kam: „Jetzt hast Du einen Ohrwurm. Und weißt nicht wovon. Life is bitter.“

4. Kurze Wege und etwas Zeit sind das A und O für mehr Flexibilität und funktionierende Konzepte.

Schon letztes Mal in Berlin gab es einen hervorragenden Vortrag, in dem ein Unternehmen und eine Agentur zusammen aufgetreten sind. Diesmal wieder – und beide Teams haben das gleiche gesagt: Kurze Wege zahlen sich aus. Denn je mehr Abstimmung auf dem Weg zum Social Post stattfindet, desto mehr geht kaputt.

Auch brauchen gute Konzepte Zeit. Wer zu kurze Slots setzt, um auf Social was zu erreichen, dem gelingt wenig. Und er gewinnt so auch bestimmt nicht das Vertrauen der Follower. Für uns Einzelkämpfer bietet das einen klaren Vorteil. Wir stimmen uns nur mit uns selbst ab, haben null Restriktionen und sind mit unseren Lesern sowieso one on one unterwegs. Und das meist jahrelang.

Das war’s

Falls ihr noch Fragen zu einzelnen Themen habt, schreibt mir die gerne in die Kommentare. Die, die meinen letzten Post gelesen haben, wissen: Mein Vortrag auf der AllFacebook war erstmal mein  letzter. Warum, zeigt dieses Bild, das die liebe Tina nach meinem Talk in der Cafeteria geschossen hat. Das bin ich, die erstmal wieder auf diesem Planeten landen muss, und zwar am besten alleine.

Was jetzt kommt? Das werden die nächsten Wochen zeigen. Mein Sohn fragte mich jedenfalls heute direkt mal mit einem breiten Grinsen im Gesicht: „Und, wie ist Dein erster Tag als Mutter und Hausfrau?“ #gottalovehim

Auf jeden Fall veröffentliche ich im Oktober noch meinen Online-Kurs zum Thema Video. Ich schreibe hier für euch weiter. Und alles andere wird sich zeigen.

In diesem Sinne

Eure Svenja