Ihr Lieben,

gerade sitze ich an der Vorbereitung für meinen AllFacebook-Vortrag. Und während meiner Recherchen bin ich einmal mehr verblüfft darüber, in welch rasender Geschwindigkeit sich Erzählformate im Web verändert haben, seit ich blogge. Gleichzeitig bin ich geschockt, wie stehengeblieben und wie wenig hands-on die meisten Unternehmen in Deutschland sind, wenn es um digitales Storytelling geht.

Mein Vortragsthema sind diesmal die Stories (wie z.B. auf Insta). Also vertikale Formate, die Geschichten erzählen. Ein schöner Anlass, um euch kurz mitzunehmen in die Evolution des digitalen Storytelling im letzten Jahrzehnt.

2008-2012

Als ich 2008 meinen ersten Blog aufmachte, gab es weder Reichweitendruck, noch Konkurrenz, noch Keywords. Blogs brauchten kein Branding. Es reichte komplett aus, man selbst zu sein. Auch Themen in  griffige Formate zu packen, war noch nicht angesagt. Also schrieb ich über das, was ich selbst interessant fand. Damals noch auf Englisch. Die Fotos dazu waren unscharfe Schnappschüsse, ein iPhone hatte ich noch nicht.

Heute muss ich fast darüber lachen, dass ich damals nach so einem kurzen Post und so wenig Aufwand dachte, ich hätte gebloggt. Meine „Arbeit“ endete mit der Veröffentlichung des Posts, denn ich war nicht groß auf Social Media unterwegs. Und wenn, dann bestimmt nicht, um da meine Posts zu bewerben.

2012-2016

Die Social Networks kamen mit großen Schritten. Genauso wie die Entdeckung, dass man mit Bloggen Geld verdienen kann. Auch dadurch hatte ich plötzlich jede Menge KollegInnen. Eine Zeit lang war es einfach, gesehen zu werden, wenn man ein bisschen mehr über Suchmaschinen wusste, als andere. Und fleißiger war. In dieser Zeit konnte ich mit solchen Posts punkten:

Es gab verschiedenste „Regeln“, Formatierungen und Techniken, die ich anwenden musste, um sichtbar zu sein. Bei meinem obenstehenden Quarkbällchen-Rezept waren das z.B.

  • Suche nach Trends und Themen
  • saisonales Storytelling
  • Erspüren von Evergreen Content – also von Themen, nach denen das ganze Jahr über gesucht wird
  • Festlegen eines Fokus Keywords
  • Verwendung einer Überschrift mit Fokus Keyword
  • externen Link setzen (und einen internen, das habe ich meist vergessen)
  • korrektes Benennen der Bilder plus Eintragen der Alt Texte
  • ein PDF hochladen
  • eine gewisse Textlänge beachten
  • eine gewisse Keyworddichte erfüllen
  • eine Zwischenüberschrift einpflegen
  • Aufzählungen
  • grammatikalische Überprüfung

Alles noch relativ übersichtlich. Ich schrieb service- und nutzenorientierte Posts nach diesen Regeln, um Reichweite zu bekommen. Und meine Herzensdinge schrieb ich weiter frei, um genau die Emotionen und Werte rüberzubringen, die mir wichtig waren.

2016 – 2019

Je länger ich bloggte, umso härter wurde der Kampf um Traffic und Positionierungen. Das führt dazu, dass ein Post, der heute auf Google Seite 1 landen soll (und gelandet ist), so aussieht:

Ihr seht, der Post ist nicht nur länger, sondern auch wesentlich aufwändiger. Ich mache immer noch alles, was ich beim Quarkbällchen Post gemacht habe. Und dazu noch einiges mehr, z.B.:

  • Grafiken bauen
  • Videos aufnehmen, schneiden und auf YouTube stellen
  • W-Fragen raussuchen und einbinden
  • den Post scannable strukturieren, um das mobile Lesen angenehmer zu gestalten
  • abwechslungsreiche Verwendung verschiedener Medien, um kürzeren Aufmerksamkeitsspannen  gerecht zu werden

In all diesen Jahren habe ich ein Gefühl für digitales Storytelling entwickelt. Ich habe beim Machen gemerkt, was  funktioniert und was nicht. Nicht zuletzt durch euch, meine Community. Und durch euer Feedback. Ich habe verstanden, dass Social Media Plattformen wie Zeitungskioske funktionieren, die in unterschiedlichen Stadtteilen stehen in denen unterschiedliche Menschen wohnen.

Wenn ich auf Facebook poste, brauche ich ein anderes „Cover“, um meine Zeitschrift aka meinen Blogpost zu verkaufen, als auf Pinterest. Und auf Pinterest brauche ich ein „Cover“ für die DIY Zielgruppe, eins für die Grundschullehrerinnen, eins für die Mädels, die bald heiraten usw.

All diese Erfahrungen und Learnings sind heute Gold wert, denn jetzt kommt das, was in den alten Medien seit Jahren normal ist: die Formatierung. Während wir mit unseren Bürokolleginnen ganz locker über Samstagabendshows, Nachrichten, Talkshows, Dokumentationen und Serien plaudern, ging es im Internet bis jetzt meist nur um ein Format: Content.

Klar gab es da Listicles und Schritt-für-Schritt Artikel. Klar gab es long und short form. Also absolute basic Unterscheidungen. Aber was es in weiten Teilen nicht gab, ist eine ordentliche inhaltliche Entwicklung. Und genau da kommen die Stories ins Spiel. Weil sie spielerisch verschiedene Medien verknüpfbar und leicht zugänglich machen, ist ein klassisches „window of opportunity“ entstanden. Für die Mutigen, die Frontrunner, die Experimentierfreudigen, die Innovativen. Es ist an der Zeit, Fragen neu (und vertikal) zu beantworten.

Wie erzähle ich spannend?

Wie setze ich Emotionen in Bilder um?

Wie kann ich Grafiken und Illustrationen vertikal sinnstiftend nutzen?

Wie kann ich Alltägliches (z.B. Kochen und Essen) erlebbar machen?

Wie kann ich Produkte erzählen?

Wie kann ich Zuschauer mit hinter die Kulissen nehmen?

Ich habe wochenlang geforscht und kann euch sagen: It’s a new world. Ich halte die Möglichkeiten, sich vom Markt abzusetzen und sich Gehör zu verschaffen, für ähnlich groß, wie 2008.

Für alle die anfangen.

Für alle, die keine Scheu vor neuen Medien, Techniken und Funktionalitäten haben.

Für alle, die nicht nur draufloslabern, sondern formatieren und ihre Stories planen.

Für alle, die dramaturgisch ihr Handwerk beherrschen und visuell modern erzählen.

Für alle, die nicht auf Quantität, sondern auf Qualität setzen.

In diesem Sinne

Eure Svenja