Meine erste Leiche hing von der Garagendecke. Für mich war klar: da setze ich keinen Fuß rein. Aber in die Garage gespäht habe ich dann doch. Vor allem, weil das zum Job gehört. Wie soll man der Familie des Toten den Abschied erleichtern, wenn man gar nicht weiß, wie die Situation gewesen ist? Und vor allem: wie derjenige aussieht, von dem sich die Familie nachher in unserem Beisein verabschiedet.

Angefangen hatte alles damit, dass der Bruder meines Mannes auf einer Party jemanden getroffen hat, der bei der Krisenintervention arbeitet. „Der hat Geschichten erzählt, das kannst Du Dir nicht vorstellen. Das war drehbuchreif.“ Mein Mann, immer auf der Suche nach außergewöhnlichen Geschichten, horchte auf. Irgendwann hat er mir von der Idee erzählt, eine Serie über solch ein Kriseninterventionsteam – kurz KIT – zu schreiben. Ich war Feuer und Flamme.

KITler haben ganz verschiedene Aufgaben. Sie betreuen Menschen, die gerade etwas Traumatisches erlebt haben. Sie überbringen Todesnachrichten. Sie helfen in Krisengebieten (z.B. nach einem Tsunami). Da KITler in der Zeit direkt nach dem Trauma der erste Ansprechpartner sind, kommen sie in völlig unvorhersehbare Situationen. Ich bin über 2 Jahre immer wieder mitgefahren. Am Tag, in der Nacht, an Silvester. Wenn der Pieper angeht, ist das Adrenalin schnell auf 180. Dann folgt das Telefonat mit der Zentrale und der Einsatzbescheid. Dass der oft Nichts damit zu tun hat, was man nachher erlebt, liegt in der Natur der Dinge.

„Kinderwagen vor U-Bahn“ war so ein Fall. Da hat man als Mutter von zwei kleinen Kindern das Gefühl: Ich weiß nicht ob ich das packe. Bei U-Bahnunfällen gibt es immer mehrere zu betreuende Personen. Den U-Bahn-Fahrer und Augenzeugen. Vielleicht muss im Anschluss eine Todesnachricht überbracht werden. Das wäre dann ein zweiter Einsatz. Bei „Kinderwagen vor U-Bahn“ war Gott sei Dank niemand im Kinderwagen – das Baby war im Babybjörn vor Mamas Bauch eingeschlafen und der Kinderwagen hatte sich, als die Bahn einfuhr, durch den Luftzug selbständig gemacht. Aber das weiß man eben erst, wenn man vor Ort ist. Was der U-Bahnfahrer durchmacht, bis ihm in dem Chaos jemand sagt, dass der Kinderwagen leer war – das ist nur schwer zu begreifen und reicht für eine Traumatisierung völlig aus.

Ich habe in der Zeit, in der ich hospitieren durfte, viel erlebt. HInter „Tod im häuslichen Umfeld“ verbarg sich ein Mann, der alkoholisiert im Bad gestürzt und so unglücklich auf den Badewannenrand gefallen war, dass er starb. Was aber, wenn seine Frau auf die Toilette muss und sich nicht traut, weil ihr toter Mann im Bad liegt. „Haben sie denn sonst vor ihrem Mann Pipi gemacht oder hatten sie da immer die Tür zu?“ „Nein, da waren wir eigentlich beide ganz locker.“ „Und glauben Sie er hätte was dagegen, wenn sie jetzt auf die Toilette gehen?“ „Bestimmt nicht.“ Also haben wir die Tür einfach aufgelassen und ich habe mich währenddessen mit der Frau weiter unterhalten, um sie abzulenken. Als dann die Herren vom Bestattungsunternehmen kamen, war ihr aber doch mulmig und sie zuckte bei jedem Geräusch, was aus dem Bad kam, zusammen. Also haben wir den Fernseher angemacht und da lief Volksmusik. Die haben wir laut aufgedreht und schon ging es besser. Außergewöhnliche Situationen erforden außergewöhnliche Maßnahmen.

Das KIT beschäftigt nur Ehrenamtliche (mit Saniausbildung und diversen Fortbildungskursen im Gepäck). Sie sind dazu da, die Menschen wieder soweit zu stabilisieren, dass sie an ihr Umfeld übergeben werden können. Also Verwandte und Freunde, die sich dann weiter kümmern.

Manchmal sind die aber auch außer Reichweite. Bei „Sprung vom Olympiaturm“ hatte sich ein Pärchen, das auf Urlaubsreise war, frühmorgens zum Turm aufgemacht, um den Tag mit einem Blick über die Stadt zu beginnen. Das, was sie anstattdessen sahen, war grausam. Eine junge Frau, die einzig andere frühe Besucherin, stürzte sich vom Turm. „Wir konnten nichts mehr machen, sie war einfach zu weit weg“ sagte der Mann. Oft fühlen sich Zeugen noch Monate und Jahre später schuldig. Ich werde diesen Einsatz deshalb nie vergessen, weil die Suizidantin in meinem Alter war. Sie hatte zwei kleine Kinder, die sie morgens in den Kindergarten gebracht hatte. Und dann war sie zum Turm gefahren und runtergesprungen. Wie verzweifelt muss man sein, um so etwas zu tun? Was war da los?

Jeden Tag sterben alleine in München 60 Menschen. Das KIT fährt hier jeden Tag 3 Einsätze im Schnitt. Viele der betreuten Personen haben noch Monate und Jahre später plötzlich Träume, in denen sie das Erlebte immer wieder vor Augen haben. Gerüche, Geräusche – alles kann solche Flashbacks triggern. Deshalb klären die KITler darüber auf, was die Seele zurückbehalten kann. Man nennt das eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS).  Eine völlig normal Reaktion, wenn man eine außergewöhnlich belastende Situation erlebt hat. Soldaten, die an der Front Schreckliches erlebt haben, haben das auch oft. Aber: Man kann etwas dagegen machen.

Gestern habe ich in einem Blog über einen kleinen, viel zu früh geborenen Jungen gelesen, dass Mütter von Frühchen oft auch später an PTBS leiden. Da machte es „Klick“ und ich dachte mir: Wahnsinn. Als Mütter besteht unsere Hauptaufgabe darin, unsere Kinder zu beschützen. Haben wir eine Fehlgeburt oder bekommen wir ein Frühchen, erleben wir also eine Situation, die von der Intensität mit dem Fronteinsatz von Soldaten vergleichbar ist. So hatte ich das nie gesehen. Aber klar: Wir sind dafür verantwortlich, unsere Kinder zu beschützen. Wenn also etwas passiert – und die Gefahr besteht ja jeden Tag, auch wenn Kinder gesund geboren und komplett ausgetragen werden – ist das für uns natürlich das Allerschlimmste.

Ich habe eine absolute Hochachtung vor jedem Menschen, der bei einem Kriseninterventionsteam diesen unschätzbar wertvollen Dienst am Mitmenschen leistet. Ich fühle mit jeder Mutter, die mit ihrem Baby und ihrem Kind traumatische Situationen erlebt. Nehmt alle Hilfe in Anspruch, die ihr kriegen könnt. Oft sind wir zu fertig, um selbst zu erkennen, was los ist. Lasst uns versuchen offen zu bleiben, für Menschen um uns herum, die vielleicht einen klareren Blick haben. Wir sind auf dieser Welt, um uns die Hand zu reichen. Egal wie schwer Erlebnisse wiegen und wie entsetzlich wir uns dabei fühlen können – es wird immer jemanden geben, der bereit ist, zu helfen. Von Mensch zu Mensch. Und das sind die Erinnerungen, die am Ende zählen und die bleiben.

In diesem Sinne

Eure Svenja