Aus der Reihe „Dinge, die ihr nicht über mich wusstet“ kommen heute zwei neue Infos.

1.) Ich bin zweimal sitzengeblieben. In der 9. und der 13. Klasse.

2.) Ich habe mein Studium mit der Note 1,7 abgeschlossen.

Auf beides bin ich nicht besonders stolz. Das Sitzenbleiben hätte ich mir sparen können, wenn ich nicht nur erkannt hätte, dass unser Schulsystem zum Himmel stinkt. Sondern auch, dass ich als einzelner Schüler in den 80er Jahren nichts aber auch gar nichts daran ändern kann. Das einzige was ich erreichen konnte, war: noch schlechtere Noten zu kassieren, weil ich mich nicht konform verhielt, mich nicht wegduckte und weiter sagte, was ich dachte. Irgendwann blieb ich dem Unterricht ganz fern, weil ich fand, dass ich da nichts Wichtiges lernen kann.

Die Aussage: „Du lernst nicht für die Schule, Du lernst fürs Leben.“ habe ich nicht verstanden. Denn alles, was wichtig war, habe ich immer im Leben und nie in der Schule glernt.

Auch die Sache mit dem guten Studienabschluss zaubert kein Lächeln auf mein Gesicht. Zum einen, weil ich mehrmals meine Fächer gewechselt und dadurch lockere 15 Semester gebraucht habe. Zum anderen, weil ich mit der mir plötzlich gegebenen Freiheit (Strick Dir Deinen Stundenplan selber und sei verantwortlich für das, was Du tust) irgendwie nicht so Recht umgehen konnte.

Trotzdem waren beide Erfahrungen wichtig für mich, um eine Sache zu erkennen.

Weder die Schule noch das Studium fördern Kreativität.

In der Schule soll man zuhören und möglichst fehlerfrei wiederholen. Mein Religionsaufsatz in der ersten Klasse über fünf Seiten (damals unvorstellbar viel), wurde mit den Worten „Das hast Du niemals selber geschrieben“ abgetan. Was dazu führte, dass ich bis Mitte zwanzig nichts mehr schrieb. Warum auch, es würde mir ja eh niemand abnehmen, dass ich das verfasst hatte.

Nur Frau Menneken, die mich im Wahlfach Literatur unterrichtete, gab mir 15 Punkte für mein Salvador Dali Referat. Und diesen einen Satz mit auf den Weg, der mal wieder zeigt, wie fantastisch und wichtig Lehrer für Schüler sein können. „Du hast ein großes kreatives Potenzial.“ Aber kann man mit einem Lichtblick-Satz im Gepäck und aufgrund einer Person, die an einen glaubt, an einer deutschen Universität dieses Potenzial entfalten?

Nein, kann man nicht. Ich weiß, es hört sich unglaublich an. Aber obwohl ich Germanistik, Allgemeine Literaturwissenschaft und Amerikanistik studiert habe, habe ich NICHT EIN EINZIGES MAL etwas Kreatives geschrieben. Es gab Grammatikkurse und eine endlose Reihe von Vorlesungen. Wie ein Deutsch-Leistungskurs auf höherem Niveau. Die Schüler waren älter und ich musste nicht mehr nur fehlerfrei wiederholen, was der Professor sagt, sondern zusätzlich neue Quellen suchen und zitieren.

Aber sagen, was ich selber dachte? Ohne Quellenangaben? In einer schriftlichen Arbeit, über deren Form es ein ganzes Buch gibt? Schwierig.

Das hat mich so gestört, dass ich nach meinem Studium selbst eine Vorlesung an der Uni gegeben habe. „Kreatives Schreiben in der Werbung“ hieß sie. Da stand ich und versuchte den Studenten etwas beizubringen. Ich sprach über genau die Themen, die ich auch auf diesem Blog hin- und herwende. Nur um festzustellen, dass die meisten einfach nur froh waren, wenn sie endlich ihre Unterschrift auf dem Scheinformular hatten. Sie waren eher gewöhnt ans Mitschreiben, nicht ans Mitdenken.

Ich habe über die Heldenreise gesprochen (hier mein kostenfrei downloadbares Heldenreise ebook dazu), über das Problem der Unvereinbarkeit von kleinen Kindern und Beruf. Dass Kreativität in jedem unserer Gedanken und unserer Fragen steckt. Das jeder einzelne Mensch wertvoll und liebenswert ist. Dass wir viel wuppen können, wenn wir an uns glauben. Und nichts wuppen werden, wenn wir ausgetretenen Pfaden folgen.

Denn wer denkt, dass das hier ein „Mami-Blog“ ist, der liegt falsch. Dieses Wort wird – wie ich in letzter Zeit mehrfach feststellen musste – gerne belächelt. Aber: die die lächeln, deren Denksysteme stinken zum Himmel.

Das hier ist ein Blog, in dem eine Frau und Mutter darüber schreibt, was ihr Leben ausmacht – und sich mit anderen Frauen darüber austauscht, was wir tun können, um unser aller Leben und dieses Land zu verbessern. Manchmal mit Quarkbällchen, manchmal mit Familienregeln und manchmal mit einer Schulreform.

Das obenstehende Video von Sir Ken Robinson handelt davon, dass Schule Kreativität einstampft. Es ist der meistgeschaute TED Talk aller Zeiten. Nehmt euch die Zeit herauszufinden, warum. Auch ans Herz legen möchte ich euch Seth Godin, der darüber spricht, warum Schule Träume stiehlt und warum es danach im Leben genauso weitergeht, wenn wir nicht endlich

a) verstehen, dass gute Noten und Leistungen in der Schule nicht die Voraussetzung für Erfolg und ein glückliches Leben sind und

b) begreifen, dass Eltern nicht deshalb toll sind, weil ihre Kinder gute Noten mit nach Hause bringen.

Es geht um viel viel mehr.

Meine 9-jährige Tochter kam dieses Jahr am 1. Januar die Treppe herunter, blieb auf der letzten Stufe stehen, und sagte:

„Ich habe über meine Zukunft nachgedacht. Ich möchte gerne ein Vampirbuch schreiben und dann einen Film dazu drehen. Könnt ihr mir dabei helfen?“

Natürlich können wir das. Wir müssen es sogar. Denn in der Schule wird sie das nicht lernen. Warum nicht, seht ihr in diesem Video von Seth Godin, der uns mit ein paar genialen Einsichten und Ideen vertraut macht – es gibt dazu auch ein wunderbares kostenloses ebook mit dem Titel Stop stealing dreams.

Dass wir uns bei meinesvenja unter Menschen befinden, die sich mit Systemen, die nicht funktionieren, nicht zufrieden geben, ist nichts Neues. Dass wir aber in eine Zeit hineingeboren sind, wo sich eine einmalige Gelegenheit bietet, genau diese Systeme zu ändern… das meine Lieben, finde ich revolutionär.

In diesem Sinne, lasst es uns wie immer machen. Viele Frauen, beständige Worte und Gespräche, Offenheit und der Wunsch, gemeinsam etwas zu wuppen. Da ist jede Menge Luft nach oben.

Eure Svenja