Lissy

Meine Tochter, heute Morgen, auf dem Weg zum Bus, der sie ins Schullandheim bringt. Ich hatte Zeit, ihr zum Abschied zu winken. Die hat nicht jeder.

Einen Blog zu haben, kann sauanstrengend sein. Nicht, weil er Zeit kostet. Oder weil bloggen auch Arbeit ist (Schreiben, Bilder bearbeiten, Themen überlegen). Sondern weil man als Blogger seine Meinung hinaus in die Welt trägt. Und so eine Meinung, die ist nicht immer bequem für alle. Vor allem, wenn sie nicht weichgespült ist.

Immer wieder bekomme ich Kommentare auf einen uralten Blogpost von mir, in dem es darum geht, dass ich finde, dass kleine Kinder nicht in eine staatliche Kita mit miesem Betreuungsschlüssel gehören. Weil sie dort eben nicht Spaß unter Gleichaltrigen haben, sondern oft nur ihre Zeit absitzen. Ich finde – immer noch und immer wieder: Kleine Kinder sind fantastisch bei ihren Müttern aufgehoben. Und bevor jetzt wieder alle aufschreien: Jede Regel hat Ausnahmen und ja, manchmal ist es finanziell notwendig arbeiten zu gehen und ja, manchen Kindern geht es in der Kita besser als zuhause, weil da katastrophale Zustände herrschen. Aber über die schreibe ich hier nicht.

Ich schreibe über Mütter, die denken, dass sie einem Bild entsprechen müssen, das unsere Gesellschaft für sie bereit hält. Dem, dass alles geht und zwar gleichzeitig und dass man selbst Schuld ist, wenn man das nicht auf die Reihe kriegt. Wie, Du gehst noch nicht wieder arbeiten obwohl Dein Kind ein Jahr alt ist? Wie, Du bist von Deinem Mann finanziell abhängig? Wie, Du hast kein neues iPhone – verdient ihr denn nicht beide? Aber vor allem schreibe ich über unsere Gesellschaft und die Politiker, die dieses Bild propagieren. Was um Himmels Willen stimmt mit euch nicht?

Ein Kind zu kriegen ist nicht dasselbe, wie ein Auto zu kaufen. Wenn es einem gerade nicht in den Kram passt, kann man es nicht irgendwie unterbringen so wie man ein Auto bei Regen in die Garage stellt. Ein Kind zu bekommen heißt, dass man sich auf das Abenteuer, das Leben heißt, einlässt. Es heißt, dass man DA ist. Nicht nur abends. Und auch nicht rund um die Uhr. Sondern wenn es wichtig ist. Was aber viel wichtiger ist: es heißt NICHT, dass man nicht mehr arbeiten kann. Na klar kann man arbeiten, wenn es Mutter und Kind dabei gut geht. Und das kann – völlig richtig – jeder am besten selber entscheiden.

So weit, so GAR NICHT gut.

Denn manche Menschen entscheiden das und sind sich nicht wirklich klar darüber, was das in the long run bedeutet. Anders kann ich mir jedenfalls eine Mitschrift der Elternbeiratssitzung an unserer Heile-Welt-Grundschule nicht erklären, in der folgender Passus (zwischen Faschingskrapfen und Schuleinschreibung) steht:

Umgang mit kranken Kindern

Frau XXX und Frau XXX berichten, dass es in letzter Zeit öfter vorkam, dass erkennbar kranke Kinder in die Schule geschickt wurden und Eltern auf die Bitte, diese abzuholen, gar nicht oder ungehalten reagierten.

Die KES sollen an ihre Eltern appellieren: Es ist im Interesse der gesamten Schulfamilie kranke Kinder zu Hause zu lassen.

Das sind Momente in denen denke ich: Krawall. Revolution. Fressevoll.

Kinder müssen zuhause gesund werden dürfen, wenn sie krank sind. Mit einer Mutter oder mit einem Vater, die für sie da sind. Müssen nicht mit Medikamenten vollgestopft in die Schule, damit die Eltern arbeiten gehen können. Und müssen auch nicht alleine zuhause sein, wenn sie krank sind, weil alle Erwachsenen arbeiten gehen müssen. Ja, sowas gibt es auch. In der Grundschulzeit. Und sowas sollte es nicht geben.

Ja, dieser Blogpost ist Schwarz und Weiß. Weil ich den Beweis dafür, dass etwas ganz gehörig falsch läuft, plötzlich Schwarz auf Weiß in meinen Händen hielt. Und vor lauter Entsetzen erstmal gar nicht darüber bloggen konnte. Wie viel Angst muss man vor seinem Arbeitgeber haben, dass man ungehalten reagiert, wenn die Schule anruft, weil das eigene Kind krank ist? DAS finde ICH krank.

Deutschland, wach auf. Arbeitgeber müssen Frauen mit Kleinkindern ihr Gehalt weiterzahlen, auch wenn diese 3 Jahre zuhause bleiben wollen. Und sie müssen ihnen ermöglichen danach ohne Karriereknick wiedereinzusteigen. Obwohl ich das Wort „wiedereinstegen“ hasse, denn eigentlich heißt es „weiterzuarbeiten“. Wir steigen nämlich zwischendurch nicht aus, sondern machen das, was für eine gesunde Gesellschaft immens wichtig ist. Wir kümmern uns um die nächste Generation.

Kinder zu haben gehört zu den wertvollsten Erfahrungen, die man als Mensch machen kann. Sie gut zu behandeln und für sie da zu sein, ist das Mindeste, was wir tun können, um uns für dieses Wunder zu bedanken. Wenn das ein Land nicht kapiert, geht es abwärts, nicht aufwärts.

Frau Merkel, mit allem nötigen Respekt – es ist an der Zeit, sich ordentlich auf den Hosenboden zu setzen.

Eure Svenja