Ich glaube, dass es für jeden Menschen eine Geschichte gibt, die er erzählen soll. Als ich Sven Preger kennenlerne, sitze ich 2014 in einem Seminar meines Mannes in der RTL Journalistenschule. Storytelling. Grundsätzlich kann Sven das schon, sogar ziemlich gut.

Wir verstehen uns auf Anhieb – kein Wunder, denn wir schreiben beide gerne. Sven ist schon lange Geschichtenprofi und arbeitet vor allem fürs Radio. WDR und Deutschlandradio. Ziemlich seriös, oder? Aber Sven kann mehr. Der ist anders.

Was mich von der ersten Sekunde anspringt, ist seine Menschlichkeit. Das ist selten heutzutage. Wer hat schon Lust verbindlich zu sein? Sich auf andere Menschen wirklich einzulassen? Auch wenn es unbequem wird? Immer wieder suche ich im Seminar seinen Blick, wenn andere reden. Spüre, dass er spürt, was ich denke. Dass er einordnet, versucht ein Bild zu vervollständigen, andere Teilnehmer zu begreifen und in Gänze zu verstehen.

Fast forward. Auch wenn Sven und ich lose Kontakt gehalten haben – eng waren wir nach dem Seminar nicht. Und dann schreibt er mir aus heiterem Himmel am 29. Mai 2015 eine Mail:

„Liebe Svenja,

ich hoffe, Dir und Euch geht es gut!? Was macht ihr so?

Du, ich habe eine Literatur-Frage. Ich bin gerade nochmal auf der Suche nach einem guten/inspirierenden Werk für serielles Erzählen im nicht-fiktionalen Bereich.

Und dachte, vielleicht ist Euch mal was über den Weg gelaufen!? Es geht natürlich auch serielles Erzählen für den fiktionalen Bereich – dann übertrage ich das einfach…

Denn wenn alles gut läuft, steht ein sehr spannendes Großprojekt an. Vielleicht hast Du ja im vergangenen Jahr den Spin-Off von This American Life „Serial“ mitbekommen – mit der Geschichte um Adnan. Von Sarah Koenig.

Wir werden – wenn alles jetzt gut läuft (toitoitoi!!!) – dieses Format (…) im deutschen Radio ausprobieren. (…) Wir haben eine große Geschichte, die sich dafür sehr eignet. Sehr aufregend;-)

Und in dem Zusammenhang wollte ich nochmal ein bisschen Urlaubs-Lektüre mitnehmen. Wir haben den großen Kosmos skizziert, Folgen, Erzähl-Linien und Cliffhanger mitgedacht, Wow-Momente in jede Folge gepackt usw. Aber ein bisschen Input kann ja nicht schaden. Intensive Schreibphase ist eh erst im Herbst. Und Sendestart liegt momentan auf Feb 2016 – ist aber noch nicht fest!

Ganz liebe Grüße

Sven“

Oh, wie spannend ist das denn? Serial habe ich geliebt. Und spannende Geschichten sind ja eh mein Ding. Nachdem wir uns ein bisschen hin- und hergeschrieben haben, verrät mir Sven unter dem Siegel der Verschwiegenheit die Storyline:

„Angefangen hat alles im Oktober 2013. Ich komme total müde von einer Früh-Moderation und tanke am Kölner Südverteiler. Da spricht mich ein Anhalter an. Total kaputt. Sichtlich krank. Mitte 60. Sechs Taschen dabei, echt auch abstoßend. Und voller Leidensdruck, aber nicht unhöflich. Er sei auf seinem letzten Weg. Nach Zürich, zu Dignitas. Er will sich die Spritze setzen lassen. Sein Leben sei verpfuscht. 40 Jahre auf der Straße. Davor 20 Jahre in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, samt schwerstem Missbrauch etc… Da stehe ich da und denke: entweder verarscht der Dich jetzt oder Du kannst jemandem auf seinem letzten Weg helfen.

_MG_9603Heinrich und Sven am Bonner Bahnhof

Ich nehme ihn also mit zum Bonner HBF, zahle ein Zugticket nach Zürich mit einem durchgehenden Zug und gebe ihm Taschengeld. Außerdem bitte ich die Bahnhofsmission, ihn in den Zug zu setzen. Auf der Fahrt zum HBF erzählt er ganz abgehackt mehr Details seines Lebens. Hört sich alles viel zu krass an, um wahr zu sein…

Das lässt mich nicht los, also kontaktiere ich Dignitas – die natürlich auf so was aus Prinzip nicht antworten… also höre ich von ihm nie wieder was. Sein Name: Heinrich (hab mir seinen Perso zeigen lassen).

Dann passiert ein Jahr gar nichts. Serial kommt und ein Kollege und ich sind total geflasht. Und sagen: wenn wir mal einen Stoff haben, machen wir so was.

Dann gehen der Kollege und ich im Januar 2015 abends was essen. Und der Kollege sagt: Er hat vielleicht einen Stoff (Stichworte: helfen, Schwache der Gesellschaft etc.) und will mir mal eine Geschichte erzählen. Aus dem Herbst 2014: er hätte einen Anhalter mitgenommen, am Kölner Südverteiler. So ein abgewrackter Typ. Sei auf der letzten Fahrt nach Zürich, zu Dignitas…

Here we go: Stephan (das ist der Kollege) hatte ein Bild gemacht: derselbe Typ!

Da hat mich der Ehrgeiz gepackt, weil ich geahnt habe: irgendwas an dem stimmt auch, was er uns erzählt. Aber er lügt uns offenbar auch an. Er hat uns beiden erzählt, er hätte Krebs im Endstadium… das ist wohl kaum möglich.

Wir hatten nur einen Namen. Ich habe drei Monate gesucht und ihn tatsächlich gefunden (allein das ist ne Folge!): er lebt, es gibt ihn.“

Svens Mail war noch länger, aber ich will hier ja nichts spoilern… – und das war meine Antwort:

„WIE BITTE? Ich hatte am kompletten Körper Gänsehaut während der kompletten Zeit die ich Deine Mail gelesen habe. DAS nenne ich mal ein High Concept. Wundert mich nicht, dass die Münder da offen standen.

Sven, das ist genau richtig und das fühlt sich so stimmig an mit dem, was ich von Dir weiß, dass ich gerade voll ausflippen könnte.“

Tja, und was soll ich sagen. Jetzt ist die erste Folge online. Und ich könnte nicht glücklicher sein, hier FETTESTE Werbung für Sven und seinen Kollegen Stephan und ihr gemeinsames Projekt zu machen. Denn gerade habe ich die erste Folge gehört. Und sie ist nicht nur einwandfrei produziert, sondern auch wirklich spannend erzählt.

Ich bin der festen Meinung: DAS ist sie, die Geschichte die Sven erzählen muss und soll.

Und weil ich es ja so liebe, Dinge vorherzusagen: Sven! (und unbekannterweise: Stephan!). Dafür wird es einen FETTEN Preis geben. Ich tippe auf den Deutschen Radiopreis. Und zwar verdient.

Boah, ich bin so stolz, Dich zu kennen, Sven. Hammer.

Und für euch alle geht es hier entlang zur ersten Folge von „Der Anhalter“.

Eure Svenja

P.S.: Und wenn ihr die Folge hört und auch so gut findet – spread the word #deranhalter

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