Meine Lieben,

in den letzten Tagen überschlagen sich nicht nur die Ereignisse, sondern auch die Erkenntnisse. Es ist, als hätte ich jahrelang in einem dunklen Zimmer gesessen, ohne zu wissen, dass es einen Lichtschalter gibt. Es hat sich zwar nicht dunkel angefühlt, aber jetzt, wo es hell ist, ist mir der Unterschied sonnenklar. Aber von vorn.

Aus der Hektik aufs Sofa

Alles beginnt damit, dass Sue von Ichlebejetzt online über ein Buch schreibt und ich das sehr spannend finde.

„Manchmal sehe ich ein Buch und möchte es in den Arm nehmen und streicheln. Das kennt Ihr doch sicher auch oder? Solche Bücher, die einen schon hineinziehen, bevor man sie aufgeschlagen hat. So ging es mir bei „Einfach Loslaufen“. Die Journalistin Svenja Beller und der Fotograf Roman Pawlowski haben ihren Rucksack gepackt, das Smartphone zu Hause auf den Tisch gelegt und sind in Richtung Norden losgelaufen. Der Plan war bis nach Tromsø in Nordnorwegen zu reisen. Möglichst ohne öffentliche Verkehrsmittel und natürlich ohne eigenes Auto. So waren sie gezwungen Kontakt zu den Menschen in den durchreisten Ländern aufzunehmen…Was sie erlebt haben, haben sie in ihrem Buch EINFACH LOSLAUFEN dokumentiert.“

Weil ich Sue schreibe, dass sich das spannend anhört, schickt sie mir das Buch, als sie es ausgelesen hat. Und ich lese es auf meinem Gartensofa unter Oma Hildes Decke. Und was ich lese, lässt mich innehalten.

„Als wir schon nicht mehr daran glaubten, erzählten uns zwei Tankstellenangestellte von dem fiskecamp, dem Angelcampingplatz, da gebe es Boote, in der Abenddämmerung glitten wir dann in zwei Kanus Richtung Einsamkeit und es begann die Zeit, in der die Zeit egal war.

Das Allerbeste hieran ist nämlich nicht das Paddeln, das Angeln, Beerensammeln, Feuermachen, Umherstreifen, Pilzesuchen, Schnitzen, Lesen, Baden, Lageraufschlagen oder das Rumhängen. Nein das Allerbeste ist, nichts zu müssen, nichts zu wollen.“

Nichts zu müssen, nichts zu wollen. Damit trifft die Autorin Svenja Beller einen ganz empfindlichen Nerv. Denn dieses Gefühl kenne ich kaum noch. Ja, ich lebe Dank meiner Selbständigkeit freier als andere. Aber frei fühle ich mich nicht. Und obwohl ich seit Jahren nach einer Lösung suche, wie ich dieses Gefühl zurückbekomme, hätte ich noch nicht mal in Worte fassen können, was genau mir fehlt.

Die Reisenden im Buch gehen immer der Nase nach.

„Man kann die Ungeplantheit als anstrengend empfinden, wir empfinden sie aber als leicht und frei. Wir müssen nichts organisieren, nichts wissen, nichts schaffen.“

Und schon wieder nehme ich das Buch runter, schließe die Augen und denke: Nichts organisieren, nichts wissen, nichts schaffen. Das ist ja krass. Geht das überhaupt? In einer Welt, in der die Wäsche gemacht, das Essen gekocht und die Arbeit erledigt werden muss? In der wir Rasen mähen, Altglas wegbringen und neue Socken kaufen, anstatt sie zu stopfen?

Ich muss eigentlich immer was schaffen, schon weil ich ein Haus habe. Efeu zurückschneiden. Ameisen bekämpfen. Speisekammer aufräumen. Terrasse fegen. Noch mehr Aufgaben, als im echten Leben, warten online auf mich. Pins bauen, Fragen beantworten, Blogposts schreiben, Podcasts hören.

„Wir müssen uns einfach nur so leicht wie möglich machen, damit der Fluss uns gut tragen kann.“

Leicht fühlt sich das nicht an. Und dann treffen Svenja und Roman nach vielen Nächten im Zelt, in letzter Minute gefundenen Zeltplätzen und Übernachtungsgelegenheiten jemanden, der ihnen ein kleines, freistehendes Haus anbietet. Ein Dach über dem Kopf für eine Nacht.

„Für die meisten Menschen wäre so ein Haus ohne Strom und fließend Wasser mitten im Nirgendwo sicher eine Zumutung und auch wir hätten das vor unserer Reise noch so gesehen. Jetzt aber hat sich unsere Wahrnehmung verschoben. Wenn man eine Weile lang nicht mehr im Überfluss gelebt hat, dann fällt einem auf, dass man vieles gar nicht braucht. Keine zehn Kissen, vier Sessel oder fünf Jacken, sondern vielleicht von jedem nur eins.“

Da ist er. Der Gedanke, der genau widerspiegelt, warum ich all meine Kundenverträge auslaufen lassen habe und in die Unsicherheit gegangen bin. Warum ich höher, schneller, weiter nicht mehr leben kann und will. Ich möchte nur EINS von allem. Aber das Eine soll das richtige sein. Susanne, ich kann Dir gar nicht genug danken für das Buch.

Vom Sofa auf den Berg

Vom Gartensofa gehe ich auf den Berg, mit meinen lieben Freundinnen Carolin, Claire und Michaela. Michaela ist in den Bergen aufgewachsen und betreibt den Arzbacher Hof. Den hat sie von ihren Eltern übernommen. Neben Mann, drei Kindern und der Gastronomie (mit angegliedertem Campingplatz!) hat sie noch Zeit für ihren Blog aus-ganzem-herzen.de – keine Ahnung, wie sie das macht. Auf dem Blog hat sie ein wunderbares Format, das „Gipfeltreffen“ heißt. Dafür interviewt sie Menschen, während sie mit ihnen auf einen Berg klettert. Diesmal sind wir dran.

Die Gedanken aus dem gerade gelesenen Buch trage ich beim Aufstieg mit mir in die Höhenluft. Und frage mich während unserer Gespräche: Was fühlt sich leicht an für mich? Worauf möchte ich verzichten? Was will ich hinter mir lassen, nicht mehr wollen, schaffen und organisieren müssen?

Meter für Meter fällt die Last der Großstadt von mir ab. Ich verlasse mich auf meinen Körper, suche den sicheren Tritt. Setze meinen Fuß neben die Wurzel, auf den Stein, ins Gras.

Zweieinhalb Stunden und 700 Höhenmeter später bin ich innerlich ganz ruhig. Wir sind am Gipfel, setzen unsere Rucksäcke ab, genießen den Ausblick und eine Brotzeit mit alkoholfreiem Bier und selbstgebranntem Gipfelschnaps. Uriger und ursprünglicher geht es kaum.

Was ich ganz klar spüre hier oben, ist: Ich verbringe die meiste Zeit meines Lebens mit überflüssigen Aufgaben, weil ich zu viel angesammelt habe.

Zu viele Kontakte, Dinge, Aufgaben und Verpflichtungen. Als wir uns wieder aufmachen ins Tal weiß ich: Das wird nicht so bleiben.

 Vom Berg auf die Messe

Kontrastprogramm, denn zwei Tage später bin ich (wieder mit Claire und Carolin, alle mit abklingendem Muskelkater) bei der ISPO Digitize, um mir anzuhören, wie die Sportbranche die Digitalisierung vorantreibt. Und ich weiß, Messe CEO Klaus Dittrich hat recht, wenn er sagt: „Not thinking digitally is not an option.“

 

Was für ein inspirierendes Event der #messemünchen. Ich durfte heute auf der #ispodigitize so spannenden Menschen zuhören und nehme jede Menge Input für mein eigenes Business mit. Ja, heute steht der Consumer im Mittelpunkt und wer sich digital nicht ausprobiert, kann nur zurückfallen. Ich bin ein Riesenfreund von hands on – und von @adidas_de bis @asicsfrontrunner haben heute alle offen darüber gesprochen, wie sie sich digital engagieren und vortasten. Ich schreibe noch über meine Learnings, versprochen. Danke an Messe CEO Klaus Dittrich, @aleksandramunich und @frauen_verbinden sowie meine stetigen Wegbegleiterinnen an allen Fronten, @carolin_rottlaender und @cappumum . Und schön, dass wir Dich auch noch getroffen haben @sebastianborggrewe ?

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Seit 11 Jahren bin ich Onliner. Vieles läuft bei mir digital. Und gerade jetzt, wo ich mittendrin bin, unser Geschäft konsequent digital zu formen, ist Input dazu spannend. Wie machen das andere?

Roland Auschel und Jacqueline Smith-Dubendorfer von Adidas teilen in ihrer Keynote „Winning Digital Together“ spannende Gedanken. Bei vielen ihrer Erfahrungen nicke ich innerlich mit dem Kopf. Denn ich habe sie auch gemacht.

„Try everything yourself so you know what to do in your company.“

Ich probiere jede neue Technologie selber aus, damit ich weiß wie sie funktioniert, wie lange Vorgänge  dauern und vor allem: Wie ich neue Tools in der Kommunikation mit Kunden einsetzen kann.

„You cannot plan it all, but you can learn in stages. There is no script in digitalization.“

Funktionierende Geschäftsmodelle aus der echten Welt ins Digitale zu übertragen heißt, sich vorzutasten. Das kenne ich vom Kinder bekommen und aufziehen. Da habe ich mich auch vorgetastet, wusste nichts und habe alles beim Machen verstanden. Auch dieses „in Phasen lernen“ kommt mir bekannt vor. Mal zieh ich mir Pinterest rein, dann YouTube, dann Schnitt, dann Instagram. Am Ende dient alles dazu, Menschen einen möglichst hohen Nutzen zu bieten.

„The speed of decision making has changed, if you want to be successful. Keeping up the pace is critical – this world is changing fast.“

Für mich der wichtigste Punkt, denn ich sehe viele, die zögern. Die denken, sie können Dienstleister einkaufen, wenn es dann mal soweit ist. Was ich seit dem Buch und dem Gipfel weiß: „Keeping up the pace“ heißt nicht automatisch stressig und schnell. Es gilt, einen stetigen Rhythmus zu finden, eine Geschwindigkeit, die zu mir passt. Mich leicht zu machen und dann einen Schritt vor den anderen zu setzen.

„Uncertainties and challenges are opportunities.“

Als ich Ende Juni wissentlich meine Existenzgrundlage gehen lassen habe, wusste ich nicht, womit ich Geld verdienen werde. Aber genau deshalb habe ich Gas gegeben und in den letzten fünf Wochen die ersten zwei Onlinekurse gelauncht. Hätte ich diese Unsicherheit nicht zugelassen und mich nicht bewusst dieser Herausforderung gestellt, hätte ich garantiert Ausreden gehabt, warum ich das gerade nicht schaffe. So aber hatte ich Raum für die Möglichkeit.

Dann folgt Prof. Bernd Thomsen von der Thomsen Group. Er eröffnet seinen Vortrag mit der Frage:

„Was ist ihre ganzheitliche Unternehmensstrategie?“

Mhhhhh. Es ist nicht so, als wäre ich strategielos. Aber eine ganzheitliche Unternehmensstrategie, das hört sich groß an. Durchdacht und verknüpft und verabschiedet. Habe ich sowas jemals gemacht? Aber Herr Thomsen setzte noch eins drauf:

„Und was ist mit ihrer ganzheitlichen zukunftsorientierten Unternehmensstrategie?“

„Autsch“, denke ich. „Klar, digitalisieren halt.“ Und ich weiß auch grob, was ich machen will. Als Einzelkämpfer reicht das doch. Aber ich weiß, die Frage hat gesessen. Und notiere mir: Strategie nochmal sauber aufschreiben und mit Timeline versehen. Hausaufgaben machen gehört halt dazu.

Von der Messe nach Afrika

Nach dieser bewegten Woche nun der letzte Termin. Mein Mann Uwe und ich sind bei Jambo Bukoba eingeladen – weil wir Clemens, den Gründer, dieses Jahr zu einigen unserer Workshops eingeladen haben. Heute zeigt Clemens uns und anderen Unterstützern, wie wertvoll das für seinen Verein ist. Weil er z.B. das Geld für Fortbildung spart und Büroräume gesponsert bekommt, kann er in Afrika mehr Geld in Projekte stecken. So hatte ich das gar nicht gesehen und bin sofort ganz glücklich, dass wir ein minibisschen beitragen können. Denn was Clemens macht, ist so wichtig.

Jambo Bukoba setzt sich für Bildung, Gesundheit und Chancengleichheit in Tansania ein. Heute kriegen wir ein Update. Gonzaga, einer der Projektleiter aus Afrika, ist eingeflogen und erzählt uns von den barackenähnlichen Grundschulen, in denen bis zu 190 Kinder gleichzeitig unterrichtet werden. Ihre letzte Mahlzeit war am Abend vorher und sie werden wohl auch bis abends nichts bekommen. Und trotzdem sind sie da. Motiviert – und glücklich, lernen zu dürfen.

Er erzählt uns von Mädchen, die zuhause bleiben müssen, wenn sie ihre Periode haben. Auch, weil die sanitären Anlagen in der Schule nicht ausreichen. Es gibt eine Wellblechwand links, eine rechts und ein Loch im Boden. Vorne ist die „Toilette“ offen. Wasser? Fehlanzeige. Das ändert Jambo Bukoba gerade mit dem Projekt WASH.

Gonzaga erzählt von Albinos, die in Afrika gejagt und getötet werden, weil ihre Körperteile Glück bringen sollen. Das schockiert mich total und ich bin den Tränen nah. Sophie aus dem Münchner Jambo Bukoba Team, hat ein Mädchen kennengelernt, das nicht mehr nach Hause wollte. Sie war abends neben ihrer Albino-Schwester eingeschlafen und in der Nacht kamen Männer und haben sie umgebracht.

Ich selbst habe ja die Weißfleckenkrankheit und werde auch immer „weißer“. Ich habe das Glück in einer Gesellschaft zu leben, in der mir deshalb niemand die Finger abhackt und sie verkauft. In der Süddeutschen gibt es ein Special zu diesem Thema. Ich ringe um meine Fassung.

Und während ich dasitze und Clemens, Jane, Kyle und den anderen zuhöre, frage ich mich, was mit dieser Woche los ist. Diese zuerst scheinbar zufällig aneinander gereihten Veranstaltungen ergeben plötzlich einen Sinn, denn sie führen mich alle zu einer zentralen Frage.

Warum tue ich eigentlich, was ich tue? Warum begegne ich diesen Menschen, höre mir die Vorträge an, führe diese Gespräche, schreibe diese Blogposts und gebe diese Onlinekurse? Definitiv nicht, damit ich jemand bin. Damit mich jemand kennt und damit ich Erfolg habe. I couldn’t care less.

„Wenn ich das kann, kannst Du das auch“ war nie nur ein Spruch oder ein Slogan, der verkaufen sollte. „Wenn ich das kann, kannst Du das auch“ ist mein Lebensmotto. Immer klarer wird mir, dass alles zusammenhängt. Dass ich nie angetreten bin, um gesehen zu werden, sondern um zu sehen.

Die Talente, die ich habe, habe ich nicht zum Selbstzweck, sondern aus gutem Grund. Sie sind mir geschenkt, um Menschen zu ermutigen. Um denen, die noch zögern, ihre Talente und Anliegen sichtbar zu machen, den letzten Schubs zu geben. Das Licht in ihrem Innern ein ganz klein wenig mehr zu entfachen. Sie wahrzunehmen, zu sehen und zu sagen: Du bist schön und wertvoll, wie Du bist. Ich sehe Dich. Mach Dein Ding. Du wirst damit andere inspirieren und die Welt verändern.

Vor allem aber habe ich meine Talente, um mit euch zu reden. Um mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die auch merken, dass für sie eine Zeit gekommen ist. Die spüren, dass es anders geht. Und die es einfach anders machen.

Das fantastische Jambo Bukoba Team

Lasst uns in den nächsten Gang schalten. Ich fühle es, wir sind soweit.

In diesem Sinne,

Eure Svenja